Aktuelles 

KULTUR FÜR DIE SEELE DES STADTMENSCHEN
Barrie Kosky ist Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin. Am vergangenen Sonntag, 15.10.17, feierte er Premiere der Jubiläumsspielzeit mit Debussys "Pelléas et Mélisande" (zum aktuellen Programm). Im Gespräch mit Mazda Adli spricht er über den Wert von Kultur als Ressource der Stadt.

Herr Kosky, Sie sind Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin. Ihre vorherigen Stationen waren Wien, Melbourne, Sydney – alles große Städte. Sind Sie ein Stadtmensch?

Ja. Man könnte sogar sagen, ich bin das Paradebeispiel für einen Stadtmenschen – obwohl ich meine Kindheit in Australien verbracht habe und alle denken, dass Australien gleichzusetzen sei mit Wasser, Strand und weiten Landschaften. Letztlich wohnt allerdings der Großteil der Australier in Städten. Und meine Großmutter ist in Budapest geboren, meine Mutter in London. Als ich in Melbourne gewohnt habe, hatte die Stadt zwischen drei und dreieinhalb Millionen Einwohner. Der Rhythmus, die Energie und die Vielfältigkeit der Stadt sind in meinem Blut und Teil meines künstlerischen Lebens. Ich will damit nicht sagen, dass ich kein Naturgenießer bin. Aber ich mag es, in der Stadt auf die Straße zu gehen und diese Energie, die Geräusche und Gerüche und all diese unterschiedlichen Elemente zu spüren.

Geht Ihnen das Stadtleben auch manchmal auf die Nerven?

Ja, deswegen geht man ja am Wochenende in ein Spa-Hotel oder im Wald spazieren. Und doch habe ich immer in Städten gewohnt. Ich bin jemand, der die Wohnungstür zumachen und damit auch die Stadt verlassen kann – auch in meinem Kopf.

Oper ist eigentlich eine Großstadtdisziplin. Im Vergleich zu Sprechbühnen finden wir Opern vorwiegend in größeren Städten. Wie lässt sich die Aufgabe von Oper für das Leben in der Großstadt beschreiben?

Oper ist in den italienischen Stadtstaaten entstanden und hat sich in den großen Städten Europas – verbunden mit dem Gedanken der Nationalität – weiterentwickelt. Die Geschichte europäischer Städte in den letzten fünfhundert Jahren verläuft parallel zu derjenigen der Oper. Je größer die Stadt, desto größer das Opernhaus. Je größer das Opernhaus, desto größer und lauter und länger die Oper.

Oper reflektiert also Stadtgeschichte und die Geschichte der Menschen, die in den Städten wohnen?

Ja, es gibt viele Opern, in denen dieser Gegensatz zwischen Land und Stadt verhandelt wird. Der erste Akt spielt auf dem Land, wo alles harmonisch ist. Im zweiten Akt geht die Diva in die Stadt, wo alles schiefgeht. Und schließlich kehrt sie zurück aufs Land. Das Land ist ein Zufluchtsort. Nehmen wir zum Beispiel »La Traviata«, zweiter Akt, weg von Paris und raus aufs Land, wo Ehrlichkeit herrscht. Auch im 20. Jahrhundert ist die Stadt der Motor, wenn man an Werke von Prokofjew, Schostakowitsch oder Alban Berg denkt. Diese Opern konnten nur in der Stadt geschrieben werden.

Kultur ist ja eine wichtige Ressource für das Wohlbefinden der Stadtbewohner. Allerdings gilt Oper als eine elitäre Disziplin. In der Komischen Oper schaffen Sie es jedoch, ein ungewöhnlich breites Publikum anzuziehen. Wie gelingt das?

Wir haben ein sehr breites Repertoire. Es hilft zum Beispiel, dass wir große Kinderopern, aber auch Operette und Musicals spielen. Musicals ziehen ein ganz anderes Publikum ins Haus als Opern. Und die Operette ist in den letzten Jahren hipper geworden, mit Omas furchtbaren Schallplatten aus den 50er-Jahren hat das nicht mehr viel zu tun. In vielen Opernhäusern liegt das Durchschnittsalter des Publikums bei über sechzig, bei uns fast unter fünfzig. Das ist sehr gut. In Deutschland haben wir ein Subventionssystem, das es sonst nur noch in Russland und Frankreich gibt. Es erlaubt uns, den Kartenpreis niedrig zu halten. Man kann für 12 oder 15 Euro in die Oper gehen – das ist günstiger als ein Rockkonzert. In Madrid zum Beispiel zahlt man 300 bis 400 Euro für eine Karte im Parkett. Das ist elitär. Das deutsche System erlaubt es, nicht elitär zu sein. Von der Idee wegzukommen, dass unser Zuschauer zwangsläufig gebildet sein muss, und stattdessen andere potenzielle Zuschauerschichten anzusprechen, bleibt allerdings eine große Herausforderung. Sie werden überrascht sein, wenn Sie sich einen Abend bei uns anschauen: Wie sieht der soziale Hintergrund der 1200 Besucher an einem solchen Abend aus? Es gehen nicht nur gutbürgerliche Menschen in die Oper. Die Architektur eines Opernhauses spiegelt natürlich auf eine gewisse Weise die Klassenunterschiede wider: Das Publikum verteilt sich auf Parkett, Loge und Rang. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, Studierende, Kinder und Schüler anzusprechen. Wenn wir junge Menschen nicht damit infizieren, haben wir als Theater keine Zukunft.

Wie schaffen Sie es, ein so breites Publikum in der Komischen Oper anzusprechen? Liegt es daran, dass Sie die Zuschauer in besonderer Weise emotional beteiligen? Sie nehmen das Schwülstige aus der Oper raus und stellen das Emotionale in den Vordergrund. Ist das ein Teil Ihres Erfolges?

Ja. Für mich ist Musik gleich Emotion. Wir machen Geschichten über Liebe, Tod und Eifersucht. Auch die abstrakten Stücke sind voll davon. In der Nachkriegszeit gehörte es zum guten Ton bei Musik- und Thea- terschaffenden, das Emotionale rauszuhalten. Gefühle galten als billig, ihnen konnte man anscheinend nicht vertrauen. Stattdessen sollte man denken, denken, denken. Natürlich muss Kunst auch zum Denken anregen, aber in der Oper bildet die Emotion die Straße zum Denken, und nicht umgekehrt. Man sitzt nicht in einer Wagner- oder Mozart-Oper oder in einem Symphoniekonzert, um als Erstes zu grübeln und nachzudenken, sondern um zuerst einmal zu fühlen, und dann kommt der Widerhall des Gedankens, das kognitive Echo. Meine Aufgabe ist es, den elektrischen Strom zwischen Darsteller und Zuschauer herzustellen.

Oper ist gut für die Seele und damit auch gut für unser Gehirn. Übernehmen Oper und Bühnenkunst nicht eigentlich eine wichtige Funktion für die Gesundheit, einen Public-Health-Auftrag?

Für den Künstler hat seine Arbeit nichts mit Gesundheit zu tun.

Aber für die Stadtbewohner, für die Zuschauer?

Ich stelle immer wieder fest, dass sich die Reaktionen der Zuschauer nach einem guten Abend ähneln. Die Menschen lächeln, als hätten sie eine Operntablette genommen. Ich möchte, dass sich die Menschen nach der Opernerfahrung besser fühlen als vorher. Das gilt für »Eugen Onegin«, aber auch für eine Operette oder ein Musical.

Schon allein das reicht ja eigentlich als Argument, um die Kultur unter dem Gesichtspunkt ihres Wertes für die Gesundheit zu sehen – nämlich weil sie bei vielen Menschen positive Emotionen weckt. Und das hilft Krankheiten zu verhindern oder sie abzuschwächen.

Genau. Wir sollten eigentlich von den Krankenkassen Geld bekommen.

Wir wissen, dass das Aufwachsen in der Stadt Spuren im Gehirn hinterlässt und unter bestimmten Bedingungen auch gesundheitsrelevant sein kann. Andererseits ist der kulturelle Reichtum einer Stadt eine wichtige Ressource für Kinder. Wie kann man Kinder für Oper begeistern?

Erstens: Großformat. Ich finde es wenig überzeugend, Kinderopern in einem kleinen Raum zu machen. Kleine Kinder, kleiner Raum. Nein, eine große Bühne, ein Orchestergraben, Sänger, Chor und im Zuschauerraum tausend Kinder! Wenn die Eltern nicht da sind, schreien sie wie verrückt. Ich mag das sehr. Man sieht dann, dass ein Opernbesuch für sie ein besonderes Erlebnis ist. Zweitens: Die Musik kann durchaus komplex sein und darf die Kinder auch herausfordern. Denn Kinder sind offen für ungewöhnliche Klangwelten. Drittens: das Visuelle. In Kombination mit der Musik müssen Traumwelten auf der Bühne entstehen, die zu einer besonderen sinnlichen Erfahrung führen. Und viertens: die Verbindung zwischen Bühne und Zuschauer. In unseren Kinderopern kommunizieren Darsteller und Zuschauer miteinander, die Sänger stellen Fragen, und die Kinder schreien zurück. Die unsichtbare vierte Wand, die normalerweise im Theater zwischen Bühne und Zuschauerraum besteht, muss in Kinderopern durchbrochen werden.

Waren Sie als Kind auch in der Oper?

Ich war zum ersten Mal mit meinen Eltern im Theater, als ich drei oder vier Jahre alt war. Mit sieben bin ich das erste Mal mit meiner ungarischen Großmutter in die Oper gegangen. Sie hat mich in Melbourne zu »Madame Butterfly« mitgenommen. Meine Großmutter hat sich als mein künstlerischer Mentor verstanden. Von sieben bis achtzehn, als ich die Schule verließ, habe ich über zweihundert Opern gesehen.

In welcher Stadt fühlen Sie sich ganz besonders wohl?

Berlin. Nicht nur, weil ich jetzt hier wohne. Es gibt viele Städte, die ich sehr mag. Ich liebe London, obwohl ich da nie leben wollte. Paris und Rom sind ebenfalls wunderbare Städte, aber Berlin hat für mich die richtigen Qualitäten, um hier gut leben und arbeiten zu können. Die richtige Größe, nicht zu groß, nicht zu klein, über drei Millionen Einwohner, das ist wichtig. Die Stadt hat eine unglaubliche kulturelle Vielfalt und Internationalität. Berlin weist eine große kulturelle und gesellschaftliche Heterogenität auf, eben keine Einheitlichkeit. Homogene Städte interessieren mich nicht.

… sondern Städte mit einem hohen Maß an Diversität?

Genau. Also nicht nur als politischer Slogan, sondern als eine alltägliche Sache. Die Menschen unterscheiden sich in der Sprache, im Geschmack, in den Lebensweisen und sind gerade dadurch – durch diesen diversen Geist Berlins – miteinander verbunden. Etwas in Berlin ist sehr offen. Das hat mit der Geschichte der Stadt zu tun, aber auch mit der geografischen Lage. Ich liebe auch die wunderbar langen, großen Straßen. Man hat hier Raum. Berlin vereint alle möglichen Vorteile anderer Städte, ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem. Es fehlt nur ein Strand.

Sie leben seit fast zehn Jahren in der Stadt. Verraten Sie uns Ihren Lieblingsort?

Im Moment ist mein Lieblingsort die Komische Oper Berlin, das muss man als Intendant sagen. Aber es gibt natürlich auch noch ein paar andere Ecken. Ich mag auch den Tiergarten sehr – insbesondere im Herbst und Frühling. Mich fasziniert an Berlin die Fülle der fragmentarischen Energie, eigentlich entdeckt man jeden Tag etwas Neues. Ich liebe auch Schöneberg, da es die richtige Mischung hat. Dort leben nicht nur Künstler, nicht nur Hipster, und nicht alle Kieze sind gentrifiziert. In meiner Straße unterscheiden sich die Bewohner zum Beispiel hinsichtlich des kulturellen, aber auch des finanziellen Hintergrunds sehr. Auch die Geschichte von Schöneberg fasziniert mich, weil es ein wichtiger bürgerlicher jüdischer Teil der Stadt in den 20er- und 30er-Jahren gewesen ist. Ich fühle mich in Schöneberg sehr zu Hause.

Zur Person:

Barrie Kosky stammt aus Melbourne, wo er Musik und Theater studierte. Er inszenierte unter anderem an den Staatsopern von Berlin, München und Wien, an der Los Angeles Opera, am Royal Opera House, Covent Garden, in London sowie beim Glyndebourne Festival. Im Sommer 2017 hatte er sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen.


"Selten so beeindruckt gewesen"
Sehen Sie hier das Video zur Veranstaltung (speaklow)

Als Dagmar Manzel den letzten Ton sing und das Akkordeon verklingt, herrscht ein kleiner Moment der Stille, bevor das Publikum in Applaus ausbricht. Die gut eineinhalb Stunden lange, intensive Lesung entführte in die Kurzgeschichten von Ágota Kristóf. Ehrlich, lakonisch und gnadenlos im Blick auf die Welt erzählt die 2011 verstorbene Autorin Geschichten über Exil, Entwurzelung und Einsamkeit. Begegnungen mi tinem vergrämten Wartenden, dem Tod oder einem entfremdeten Ehepaar macht Schauspielerin und Grimmepreisträgerin Dagmar Manzel durch ihre charakterstarke Lesart eindrücklich erlebbar. Lieder aus der Oper "AGOTA?" von Helmut Oehring setzen die Prosastücke intensiv in einen musikalischen Kontext und sind ein passgenauer Stoff für Dagmar Manzels musikalisches Talent. Beim anschließenden Empfang gab es die Gelegenheit, über die Eindrücke zu sprechen und Kontakte zu knüpfen.

 

 Talkrunde: "Feindbilder, Ängste Popularisierung - Herausforderung für Europas Gesellschaften? (Video)"

(Berlin, 7. November 2016) Die Flüchtlingskrise polarisiert – politisch wie gesellschaftlich: Willkommenskultur und Integrationsbemühungen auf der einen Seite, Angst und Misstrauen gegenüber fremden Kulturkreisen auf der andren. Die starken politischen Positionen verbreiten sich in der vernetzten Medienlandschaft rasend schnell. Nationalistische Bewegungen gewinnen an Bedeutung, der soziale Zusammenhalt wird brüchig und die Gesellschaft driftet zusehends auseinander – in Deutschland und auch in vielen Ländern Europas. Die komplexe politische Realität wird radikal vereinfacht. Stereotype, Vorurteile und Feindbilder greifen um sich und richten sich nicht nur gegen Muslime und Asylsuchende, sondern auch gegen Politiker etablierter Parteien.

Doch wie kann die Politik auf diese Polarisierungsprozesse reagieren? Welche Rolle kommt dabei den Medien zu? Und was muss jetzt getan werden, um das Auseinanderdriften unserer Gesellschaften aufzuhalten?

Diese spannenden und wichtigen Fragen der Gegenwart diskutierten Prof. Dr. Gesine Schwan, Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Thilo Sarrazin, Dr. Ulf Poschardt und Dr. Iris Hauth. PD Dr. Mazda Adli moderierte die Diskussionsrunde. Prof. Dr. Karl Einhäupl sprach das Grußwort.

Sehen Sie hier die Videodokumentation.

Wissenschaftliche Auszeichnung

Ausarbeitung über tiefe Hirnstimulation ist "Paper of the Month"
Dr. med. Dipl.-Psych. Angela Merkl, Stationsärztin in der Fliedner Klinik Berlin Tagesklinik, hat im Juni die renommierte Auszeichnung "Paper of the month" der Charité-Universitätsmedizin  Berlin bekommen. Das Centrum für Schlaganfallforschung Berlin und die Klinik für Neurologie würdigten die Studie, die die Empathieleistung chronisch depressiver Patienten in den Fokus nahm. Die Ergebnisse eröffnen einen Weg, um weitere Erkenntnisse zur Pathophysiologie depressiver Störungen zu erlangen.

Lesen Sie hier das

Abstract zur Auszeichnung

oder

das ganze Paper (in englischer Sprache)

 

Stress and the City
Flight, Migration and Mental Health

Die Theodor Fliedner Stiftung ist beim diesjährigen World Health Summit in Berlin angetreten. Sie war gemeinsam mit der Alfred Herrhausen Gesellschaft und der Charité – Universitätsmedizin Berlin Ausrichterin einer zentralen Veranstaltung zum Thema „Flucht, Migration und seelische Gesundheit“. Unter Leitung von PD Dr. Mazda Adli haben namhafte Vertreter aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen darüber diskutiert. Dabei stand die Situation in Städten im Zentrum der Diskussion. Flucht- und Migrationsbewegungen enden in der überwiegenden Zahl in Städten und lassen diese zu entscheidenden Integrationsmotoren unserer Gesellschaften werden. Wenn sie dieser Aufgabe nicht gerecht werden drohen soziale Fragmentierungsprozesse der städtischen Gesellschaften. Städte und Kommunen brauchen daher gute Public Health Strategien und ein abgestimmtes Vorgehen zwischen Verwaltungen, Gesundheitsdienstleistern, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Hier geht es zum Videoportrait der Veranstaltung:

Videoportrait


Wir bedanken uns bei Der Herrhausengesellschaft für die Mitfinanzierung der Filmdokumentation.

PD Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, gehört zu den Initiatoren des World Health Summit, der seit 2009 jährlich unter Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin und des französischen Staatspräsidenten in Berlin stattfindet. Er bringt Politik, Wissenschaft, Privatsektor und Zivilgesellschaft zu den drängenden globalen Gesundheitsfragen zusammen. In diesem Jahr wurde der 7. World Health Summit von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, WHO-Direktorin Margret Chan eröffnet. Der Präsident des World Health Summit, Prof. Dr. Detlev Ganten, ist im Beirat der Fliedner Klinik Berlin.

Ein Auszug aus dem Programm finden Sie auf S. 110/111:

Programm
 

Assistierter Suizid - Die Debatte in der Rückschau

Videoportrait

"Wir sind in einem Dialog, der so schnell kein Ergebnis hat. Aber wichtig ist, dass wir ihn führen."

Exzerpt einer kontroversen Debatte zwischen Ethik, Recht und ärztlicher Aufgabe
 

„Das Thema geht uns alle an – das ist wirklich spürbar.“ Moderatorin Simone von Stosch leitet die Debatte mit einer Feststellung ein, die sich auch in der Besucherzahl der Veranstaltung zeigt: Mehr als 200 interessierte Menschen, vorrangig Ärzte und Psychotherapeuten, waren am achten Oktober im Allianzforum am Pariser Platz zu Gast, um der Debatte zwischen Karl Lauterbach und Wolfgang Huber zu folgen, sie mit der eigenen Position abzugleichen und im Plenum oder dem späteren Empfang mitzudiskutieren. Der ärztlich assistierte Suizid ist ein sehr viel breiteres Thema, als es das aktuelle Gesetzgebungsverfahren abbildet: Fragen nach dem Standesrecht des Arztes und möglichen Regelungen im Bürgerlichen Gesetzbuch werden in einen engen Zusammenhang zu Fragen nach einem würdevollen und selbstbestimmten Tod vermengt.

„Dass man auf die Idee kommen kann, weiterleben zu wollen, obwohl man zum Sterben krank ist, ist die Kehrseite des großartigen Fortschrittes der modernen Medizin." (Huber)

Wolfgang Huber versucht zu Beginn der Debatte, den Hintergrund des Wunsches nach dem selbstbestimmten Sterben aufzudecken. Auf der einen Seite stünde dort die Kehrseite der Fortschritte der modernen Medizin. Denn, dass man weiterleben wolle und das in einer Weise, die man als unwürdig empfinde, sei eben eine Konsequenz moderner Medizin, die das Leben in einer Art und Weise verlängern kann, wie sie noch vor einer Generation undenkbar waren. Er kommt zu dem Schluss: „Die vorrangige Antwort ist im Bereich des ärztlichen Ethos zu suchen und nicht im Bereich der Ohnmachtserfahrung von Patienten.“

„Ich glaube, es ist schlicht falsch zu sagen, dass die moderne Medizin das Sterben in eine Position gebracht hat, dass die Sterbehilfe notwendiger wird oder mehr diskutiert werden muss." (Lauterbach)

Der Arzt Karl Lauterbach macht seinen Widerspruch zur Einschätzung Hubers mit Nachdruck an zwei Punkten deutlich. Zum einen sei würdevolles Sterben für jeden Menschen je individuell unterschiedlich. Zum anderen sei – bei aller Kritik - die moderne Medizin ein Segen für jeden, der heute einen schweren Tod vor sich habe. „Wenn jemand heute an Krebs stirbt, dann stirbt er menschlicher, als das früher der Fall war.“

„Wir beziehen den Tod in die Planbarkeit unseres Lebens als Projekt ein. Ich bin überzeugt, dass hier der Gedanke der Selbstbestimmung überzogen wird." (Huber)

Der zweite Punkt Hubers betrifft die Frage nach dem selbstbestimmten Tod als eine grundlegende Frage. Mit der Konzentration der Debatte auf Selbstbestimmung, so das ehemalige Mitglied im nationalen Ethikrat, ist eine grundlegende Frage verbunden, „nämlich, ob die Selbstbestimmung, die uns möglich ist, eine Selbstbestimmung zum Leben oder im Leben ist.“ Damit geht eine klare Positionierung des evangelischen Theologen einher: das aktuelle Verständnis vom Leben als ein planbares Projekt, führe dazu, dass der Gedanke der Selbstbestimmung überzogen werde. So lautet das Kernstatement von Wolfgang Huber zum Auftakt der Debatte: „Ich rate dazu, den Begriff des selbstbestimmten Sterbens und des selbstbestimmten Todes sehr kritisch zu reflektieren, ohne damit an dem hohen Wert der Selbstbestimmung zu zweifeln.“

„Ich halte ein striktes Verbot der Sterbehilfe nicht mehr für zeitgemäß." (Lauterbach)

Das prominente Zitat des SPD-Gesundheitsexperten leitet zum nächsten Schwerpunkt der Debatte. Das Problematische, so erklärt Karl Lauterbach sei das strikte Verbot. Denn dieses richtet sich danach, ob das Strafrecht Gebrauch finden könne, oder nicht. Eben diesen potentiellen Einsatz des Strafrechtes sieht der Bundestagsabgeordnete kritisch: „Wenn ich jemandem androhe, ins Gefängnis zu müssen, der jemandem anderen, der keinen anderen Ausweg sieht, aus menschlichen Gründen dabei hilft zu sterben, dann nutze ich das Strafrecht, um damit eine moralische oder ethische Position zum Ausdruck zu bringen, was aus meiner Sicht ein Missbrauch des Strafrechtes ist.“

„Ich halte es für unvorstellbar, dass Verantwortungsberufe rechtlich so geregelt werden, dass jede Konfliktentscheidung rechtlich abgesichert ist." (Huber)

Ein Arzt, der in Einzelfällen einen terminal kranken Menschen auf Basis einer gewissensbedingten Entscheidung hilft zu sterben, sei keinesfalls rechtlich bedroht, stellt Wolfgang Huber klar. Dies sei lediglich im Falle kommerzieller Wiederholungsabsicht relevant. Dass es ohne die ausdrückliche Legalisierung zu Grauzonen kommen kann, begründet Wolfgang Huber mit der Medizinethik, die vier Prinzipien ärztlichen Handelns festgelegt hat: die Achtung vor Selbstbestimmung und Autonomie des Patienten, die Verpflichtung, nicht zu schädigen, die Verpflichtung, wohlzutun, und die Verpflichtung auf Gerechtigkeit. Eine Verkürzung dieser Prinzipien auf die rechtliche Festlegung der Selbstbestimmung schränke das Handeln des Arztes ein, da der Patient sich auf sein Recht zum assistierten Suizid berufen könne. Zudem finde die Eintragung in das BGB vor allem bei Besserverdienenden Befürwortung. Dieses große Gefälle in der Gesellschaft müssten in der Diskussion ebenso stärkeren Einbezug finden, wie die Frage der Auswirkungen eines offen formulierten Rechts auf assistierten Suizid als die einzige rechtlich beschriebene Form der Selbstbestimmung. Die Frage nach dem assistierten Suizid, so der renommierte Ethikprofessor, solle als standesrechtliche, nicht als staatsrechtliche Debatte geführt werden.

„Nur jeder zehnte, der sich erkundigt hat oder auf einer Liste von Interessierten steht, nimmt die Möglichkeit des assistierten Suizids in Anspruch." (Lauterbach)

Auch Karl Lauterbach verteidigt die Kritik an seinem Antrag nachdrücklich – Kriterien für die Zulässigkeit der Suizidunterstützung festzulegen, sei anspruchsvoll. Probleme der Differenzierung des selbstbestimmten Willens von dem Einfluss einer Depression können nicht immer trennscharf gelöst werden. Eine klare Entscheidung, so Lauterbach, könne dann nur getroffen werden, wenn die Ergebnisse von mindestens zwei fachlichen Gutachten eindeutig sind. Für den assistierten Suizid als mögliche Handlungsoption seien daher das Vertrauensverhältnis zum behandelnden Arzt sowie die Möglichkeit sich zu informieren zentral.

„Die Verengung der Debatte um den assistierten Suizid halte ich für ein Unglück" (Huber)

Letztlich sind sich beide in zwei Punkten einig: Die öffentliche Diskussion muss deutlich breiter geführt werden, als es in der derzeitigen Gesetzgebung der Fall ist. Dabei kommt der Beschäftigung mit den Gründen für einen assistierten Suizid eine ebenso große Rolle zu wie die Diskussion über die Aufgabe des Arztes, die nicht nur das Leben, sondern auch den Prozess des Sterbens betreffe und wesentlich dazu beitrage, Angehörige bei schwierigen Entscheidungen zu entlasten.
Nach knapp zwei Stunden Diskussion und Publikumsbeteiligung findet Moderatorin von Stosch eine treffende Zusammenfassung für die Debatte: „Wir sind in einem Dialog, der kein Ende hat und so schnell auch kein Ergebnis haben wird. Aber wichtig ist, dass wir ihn führen.“

Über die Berliner Depressionsgespräche:
Ziel der Berliner Depressionsgespräche ist es, kontroverse Themen aus dem psychiatrisch-psychologischen und neurowissenschaftlichen Feld, vor allem der Stress- und Depressionsforschung, in die Öffentlichkeit zu tragen und die öffentliche Debatte um diese Themen anzuregen. Die Berliner Depressionsgespräche verbinden Forschung, Versorgung und den zivilgesellschaftlichen Sektor um die medizinischen, psychologischen und gesellschaftlichen Themen, die mit dem Krankheitsbild Depression verknüpft sind. Ziel ist eine lebendige Translation von Wissenschaft in die Öffentlichkeit sowie von kontroversen Fragestellungen in die Forschung.
 

Einladung zur Weiterbildung - „Tuesday Lectures“ Oktober 2015 bis August 2016

Sie sind neugierig, was uns umtreibt und beschäftigt?
Dann interessiert Sie vielleicht das Weiterbildungsprogramm der Fliedner Klinik Berlin. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse für psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis, kontroverse Diskussionen und praktisch-klinische Anleitungen werden von Mitarbeitern der Klinik und von ausgewiesenen externen Referenten präsentiert.

Die Fortbildung findet statt jeden zweiten Dienstag von 16.15 Uhr bis 17.45 Uhr im Gruppenraum der Station 1 der Tagesklinik, Charlottenstraße 65, 5. Stock.

Sehr gerne möchten wir Sie dazu einladen!

PD Dr. Mazda Adli
Chefarzt

Programm Tuesday Lectures

 

Fliedner Klinik nutzt innovatives Diagnostikverfahren zur Steuerung der Medikamententherapie

Für die Behandlung der Depression befindet sich eine Vielzahl von antidepressiven Wirkstoffen auf dem Markt. Wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass es bei mehr als zwei Dritteln aller Patienten beim ersten Behandlungsversuch mit Antidepressiva nicht zur vollständigen Heilung kommt. Bis das richtige Medikament gefunden ist, vergehen oft viele Monate, die mit verlängertem Leidensdruck und unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sind.
Um ihre volle Wirkung ausüben zu können, müssen Antidepressiva ins Gehirn eindringen können. Bestimmte Varianten im Erbgut eines jeden Menschen haben Einfluss auf das Eindringen von Medikamenten ins Gehirn. Das sogenannte ABCB1-Gen ist hier von besonderer Bedeutung: Je nach individueller Ausprägung sprechen Personen besser oder schlechter auf antidepressive Medikamente an.
Der ABCB1-Test ermittelt, welche DNA Variante im Einzelfall vorliegt. Auf Basis des Testergebnisses wird ein personalisierter Befund mit Wirkstoff- und Dosierungsempfehlung erstellt. Der ABCB1 Test ermöglicht somit die individuelle Vorhersage der geeigneten Medikation noch vor Beginn der Behandlung. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Ansprechens auf Antidepressiva und erfolglose Behandlungsversuche können vermieden werden.
 

Focus-Ärzteliste 2015: Berliner Chefarzt zählt zu Top-Medizinern

Privat-Dozent Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, ist in der Focus-Ärzte-Liste 2015 und zählt damit für die Redaktion von FOCUS-GESUNDHEIT auf Basis einer unabhängigen Datenerhebung zu Deutschlands Top-Medizinern.

In die Bewertung gingen unter anderem ein: große Umfragen in Zusammenarbeit mit medizinischen Fachgesellschaften, wissenschaftliche Publikationen sowie Empfehlungen von Patientenverbänden, Selbsthilfegruppen, Klinikchefs, Oberärzten und niedergelassenen Medizinern. Auch Prof. Dr. Markus Gastpar, ärztlicher Mitarbeiter und ehemaliger Leiter der Fliedner Klinik Berlin, wurde wiederholt in die Liste aufgenommen.


Ausbildung: Fliedner Klinik Berlin landet auf dem ersten Platz

Das Berliner PiA-Forum, das demokratische Vernetzungsorgan der Berliner Psychotherapeuten/innen in Ausbildung, hat einen Klinikvergleich zu den Ausbildungsbedingungen während der PT1/PT2 veröffentlicht.

Die Fliedner Klinik Berlin hat bei diesem Klinikvergleich den ersten Platz im Raum Berlin belegt. Das Ergebnis ist unter www.piaforum.de/klinikvergleich nachzulesen.

PsychotherapeutInnen in Ausbildung – PiA – sind während ihrer Ausbildung bis zu 1800 Stunden in Kliniken der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung sowie in Reha-Kliniken und anderen Versorgungsbereichen tätig. Den Erfahrungsberichten der PiA zufolge ist die Situation in Berlin besonders gravierend. Im Ballungsraum Berlin/Brandenburg scheint es gängige Praxis geworden zu sein, den im Gesetz vorgesehenen Begriff der „praktischen Tätigkeit“ in „Praktikum“ umzuwandeln. Schon seit Jahren protestieren die PiA gegen diese prekäre Situation.

Im Psychotherapeutengesetz (PsychThG) heißt es im § 5 “Ausbildung und staatliche Prüfung”:

“[...] Sie [Die Ausbildungen, Anm. d. Verf.] bestehen aus einer praktischen Tätigkeit, die von theoretischer und praktischer Ausbildung begleitet wird [...].”

Um einen objektiveren Eindruck der Lage der Berliner PiA im Hinblick auf diese praktische Tätigkeit zu bekommen, führte das Berliner PiA-Forum vom 09.07.2014 bis zum 06.08.2014 eine Umfrage zur praktischen Tätigkeit durch. Berliner und Brandenburger PiA waren über Verteiler (Mailinglisten, etc.) und im Netz dazu aufgerufen Details zu ihrer praktischen Tätigkeit, u.a. in Bezug auf Vergütung, vertragliche Grundlage und Betreuung, in einer Online-Umfrage anzugeben.
 

Focus-Ärzteliste 2014: Berliner Chefarzt zählt zu Top-Medizinern

Privat-Dozent Dr. Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, ist in der Focus-Ärzte-Liste 2014 und zählt damit für die Redaktion von FOCUS-GESUNDHEIT auf Basis einer unabhängigen Datenerhebung zu Deutschlands Top-Medizinern.

In die Bewertung gingen unter anderem ein: große Umfragen in Zusammenarbeit mit medizinischen Fachgesellschaften, wissenschaftliche Publikationen sowie Empfehlungen von Patientenverbänden, Selbsthilfegruppen, Klinikchefs, Oberärzten und niedergelassenen Medizinern. Auch Prof. Dr. Markus Gastpar, ärztlicher Mitarbeiter und ehemaliger Leiter der Fliedner Klinik Berlin, wurde wiederholt in die Liste aufgenommen.