Station 3 | Schwerpunkt

Angst- und Zwangserkrankungen und komorbider schädlicher Gebrauch psychoaktiver Substanzen

Station 3 bietet für Patienten mit komplexen Angst- und Zwangsstörungen die Möglichkeit einer intensiven Expositionstherapie an, nach Möglichkeit im häuslichen oder sozialen Umfeld. Für Patienten mit Suchtproblematik gibt es spezifische Gruppenangebote mit Elementen der kognitiv-behavioralen Therapie, dem Motivational Interviewing und der Dialektisch-Behavioralen Therapie.

Nachgefragt
 

Psychiater Dr. Alexander Gabriel und Diplom-Psychologin Katja Lüdecke über Angsterkrankungen und ihre Behandlung durch die Expositionstherapie
 

 

Selbstwirksamkeit und Konfrontation: Gemeinsam gegen die Angst

Aus den Fenstern der Station 3 im sechsten Stock der Tagesklinik in der Charlottenstraße wirkt der wolkenverhangene Tag viel heller als eben noch unten auf den Straßen von Berlin. Zwischen selbstgezüchteten Geranien und dem Portrait einer weitläufigen Landschaft an der Wand nehmen Diplom-Psychologin Katja Lüdecke und Psychiater Dr. Alexander Gabriel Platz. Ihr gemeinsames Thema ist die Behandlung von Angst- und Zwangserkrankungen. Wie ihre tägliche Arbeit aussieht und was eine Reise nach Venedig über den Therapieerfolg aussagt, verraten sie im persönlichen Gespräch.

Wann wird Angst zu einem Thema für die Psychiatrie?

Alexander Gabriel:  Angst ist primär etwas Physiologisches und Überlebenswichtiges –. Wenn sie aber nicht mehr in einem Zusammenhang zu einer reellen Gefahr steht, dann blockiert sie uns – wie etwa bei einem Prüfungs-Blackout oder sie hindert uns plötzlich daran, unseren gewohnten Alltaghandlungen nachzugehen. Da sich niemand gerne freiwillig Ängsten aussetzt, führt dies meist zu einem Vermeidungsverhalten. Der Lebensradius wird enger, man zieht sich sozial zurück und distanziert sich vom Leben

Katja Lüdecke:  Gelegentlich kommt es dabei auch zu einem sogenannten Überkompensationsverhalten, das heißt, dass diese Menschen besonders risikofreudig werden, aggressiv oder impulsiv handeln oder Zwangssymptome ausbilden, um die Ängste zu kontrollieren. Gemeinsam ist allen Betroffenen und Angehörigen ein hoher Leidensdruck, der schließlich in eine therapeutische Behandlung führt.

Mit welchen Ängsten kommen die Patienten zu Ihnen?

Katja Lüdecke:  Das ist ganz unterschiedlich. Viele Patienten kommen zum Beispiel mit einer Panikstörung. Das heißt, sie werden wiederholt plötzlich von starken Angstgefühlen überflutet, die nicht bestimmten äußeren Situationen zugeordnet werden können. Die Angst kann sich bis zur Panikattacke mit Todesangst steigern. Wir behandeln auch agoraphobische Erkrankungen, wenn also eine Person zum Beispiel kein Restaurant oder Kino besuchen kann oder nicht mehr U-Bahn fahren kann, weil sie das Gefühl hat, nicht schnell genug „flüchten“ zu können. Viele kommen auch mit sozialen Ängsten, also mit Ängsten vor negativer Bewertung oder vor Kontakt zu Mitmenschen.

Alexander Gabriel:  Gelegentlich behandeln wir auch ganz spezifische Ängste, wie zum Beispiel Flugangst. Patienten können dann ganz klar formulieren, wovor sie Angst haben.

Muss man in Berlin mehr Angst haben als in anderen Städten?

Katja Lüdecke:  Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass Angsterkrankungen etwas häufiger vorkommen als auf dem Land. Das liegt daran, dass in Großstädten mehr Stressfaktoren wie Lärm, Verkehr oder soziale Dichte auftreten. Das kann dazu führen, dass das Stressniveau eines Großstädters tendenziell höher liegt und damit auch die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen. Besonders für soziale Ängste ist das vorstellbar.

Mit welcher Behandlung können Sie Ihren Patienten mit Angst- und Zwangserkrankungen helfen?

Katja Lüdecke:  Wir arbeiten nach dem Prinzip der kognitiven Verhaltenstherapie mit Expositionsbehandlung. Viele Patienten haben aufgrund ihrer Ängste sehr überzogene und sehr irrationale Gedanken und Vorstellungen, die mit der Realität nicht übereinstimmen, sondern vor allem angstgeprägt sind. Wir nennen das dysfunktionale Kognitionen. Diese gilt es zu verändern, nicht zuletzt auch durch das Konfrontieren mit den sonst vermiedenen Angstsituationen. Es geht dabei darum, sogenannte “dysfunktionale Kognitionen“, also schädliche Gedanken, zu überprüfen und zu verändern. Wichtig ist es auch, die Bedeutung des Angstsymptoms im gegenwärtigen Leben zu verstehen. Viele Ängste liegen in irrationalen Überzeugungen, Fehlinterpretationen oder gedanklichen Verzerrungen begründet. Einige Patienten behandeln ihre Gefühle wie Tatsachen. Wenn sie beispielsweise Angst vorm U-Bahnfahren haben, dann schließen sie daraus, dass U-Bahnfahren gefährlich ist. Andere Patienten katastrophisieren, das heißt, sie überschätzen die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Schadens. Allgemein gilt, dass die Befürchtungen aufgrund des ausgeprägten Vermeidungsverhaltens nicht überprüft werden. Die Expositionsbehandlung, also die Konfrontation mit angstauslösenden Situationen, hilft dabei, diese Bewertungsprozesse bewusst zu machen und sie an Hand der Realität zu überprüfen. Patienten können dann die Erfahrung machen, dass sie ihre Angst aushalten können, dass ihre Befürchtungen nicht eintreffen und Angstgefühle von alleine wieder verschwinden.

Warum ist die Exposition, also die Konfrontation mit genau dem, was Angst macht, in der Behandlung so wichtig?

Katja Lüdecke:  Es geht nicht nur darum, Verständnis und Einsicht zu bekommen, sondern darum, neue Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Das Ziel ist die Zunahme von Selbstwirksamkeit, also dass ich mich selber als kompetent erlebe. Dazu gehen wir als Therapeuten mit den Patienten zusammen in deren häusliches oder soziales Umfeld und behandeln die Probleme genau dort, wo sie entstehen. Um zu lernen, Situationen selber zu bewältigen, muss man die konkrete Erfahrung machen, dass das möglich ist...

Alexander Gabriel: …und das kann man nur, wenn man Dinge tut! Angst- und eben auch Zwangserkrankungen muss man mitten im Alltag behandeln. Das ist ein Vorteil des Standortes „Stadt“ als auch des tagesklinischen Konzepts insgesamt: Die Verbindung zum eigenen Alltag. Relevant ist aber oft auch der soziale Alltag auf der Station an sich: Eine soziale Phobie auf einer einsamen Insel zu behandeln, macht sicherlich wenig Sinn.

In der Verhaltenstherapie wird oft von „Habituation“ gesprochen, das heißt dem Rückgang von Angst durch Verharren in der Angst auslösenden Situation. Wie funktioniert das eigentlich?

Alexander Gabriel: Habituation ist ein aktiver Lernprozess der einsetzt, wenn eine körperliche oder psychische Reaktion auf einen ursprünglich angsteinflößenden Reiz ausbleibt, weil man gelernt hat, dass dieser Reiz keine Gefahr mehr darstellt. Konkret heißt das, dass ein Patient nicht mehr psychisch mit innerer Anspannung, Unruhe und Nervosität oder körperlich mit Schwitzen, Herzrasen und Atemnot reagiert, wenn er erlebt hat, dass er/sie beispielsweise mehrfach große Einkaufszentren betreten oder die U-Bahn benutzen konnte, ohne dass etwas Gefährliches passiert ist.

Für diese Art der Therapie muss ein Patient aber letztlich bereit sein, sich genau dem auszusetzen, wovor er eigentlich eine Riesenangst hat. Wie gehen Sie damit um?

Alexander Gabriel: Jede Lebens- oder Verhaltensveränderung ist mit einer Ambivalenz verbunden – diese Ambivalenz deutlich zu machen und in Richtung Verhaltensveränderung zu führen, das ist ein Kern der therapeutischen Aufgabe.

Katja Lüdecke: Wir helfen den Patienten dabei zu erkennen, was die langfristigen Konsequenzen ihres Verhaltens sind. Es hilft zu vermitteln, dass das kurzfristig Unangenehme oft langfristig mehr Freiräume schafft. Stagniert der Therapieprozess dennoch, fragen wir nach der Veränderungsmotivation. Was sind die „aufrechthaltenden Bedingungen“, also was führt zum Verbleib in der Situation? Oftmals wollen Menschen nur die Angstsuppe in ihrem Kochtopf über dem Feuer auslöffeln, vergessen aber, dass besser das Feuer gelöscht werden muss. Und das ist manchmal eine schwierige, zuweilen unangenehme Aufgabe. Wir fragen daher oft: Stehen hinter der Angst vielleicht unausgesprochene Erwartungen in der Familie oder der Beziehung oder ungelöste Lebensfragen, denen man sich nicht stellen will? Therapie bedeutet grundsätzlich, sich mit den eigenen Zielen und Werten auseinanderzusetzen.

Was muss man nach erfolgreicher Angsttherapie beherzigen, damit die Ängste nicht zurückkehren? 

Katja Lüdecke: Man muss kontinuierlich üben und sich den ehemals angstauslösenden Situationen aussetzen. Die Erfahrung, dass man das Leben selber bewältigen kann – zum Beispiel wieder selber ohne Angst U-Bahn fahren kann – hilft, dass man nicht Gefahr läuft, in die alten Verhaltensweisen zurückzufallen. Hier zeigt sich auch besonders der Vorteil einer Tagesklinik – weil der Alltag während des Aufenthaltes normal gelebt, geübt und gefestigt wird.

Alexander Gabriel: Außerdem sind Sport und Bewegung hoch effektiv – gerade bei Angsterkrankungen. Daher motivieren wir die Patienten auch langfristig zu mehr Bewegung.

Können Angsterkrankungen geheilt werden?

Katja Lüdecke: Es wäre nicht sinnvoll, wenn man nie wieder Angst hat – auch wenn Patienten diese Vorstellung immer wieder mitbringen. Es geht um Sensibilisierung und einen selbstbewussten Umgang damit. Angsterkrankungen sind die Störungen, die psychotherapeutisch am besten zu behandeln sind, insbesondere wenn man die Behandlung frühzeitig beginnt.

Alexander Gabriel: Wir hatten beispielsweise eine Patientin, die drei Monate bei uns war wegen einer fast lähmenden Angst vor dem Alleinsein. Außerdem litt sie unter Flugangst. Nach der Therapie ist sie allein für vier Tage nach Venedig geflogen und konnte das genießen. Ich finde es aber auch wichtig, dass ein Therapieerfolg nicht nur von einer Symptombesserung abhängt, sondern auch von dem Erleben, seine Emotionen besser beeinflussen zu können. Denn die Stimmung wird immer schwanken – das gehört zum Menschsein dazu.
 

Angsterkrankungen

Angst ist zunächst einmal ein evolutionär bedingtes Grundgefühl, welches uns vor Gefahren warnt. Für über 99 Prozent aller Generationen des modernen Menschen diente Angst dem puren Überleben. Denn eine Angstreaktion setzt in potentiell bedrohlichen Situationen ein, etwa bei Höhe, bei einem raschelnden Geräusch im Wald, bei schnellen Bewegungen einer Spinne auf uns zu oder ähnlich; der Anblick einer Steckdose macht keine Angst. Die Angstreaktion ist dabei letztlich eine Körperreaktion zur Bereitstellung von Energie. Sie versetzt uns in einen Zustand der erhöhten Aufmerksamkeit und sorgt für schnellere Reaktionen und aktiviert unseren Schutzmechanismus. Dies kann auch heute noch z.B. vor Prüfungen nützlich sein, da wir uns besser fokussieren und konzentrieren können. Dem gegenüber stehen allerdings verselbständigte Angsterkrankungen wie Panikstörungen, soziale Phobien oder Flug- oder Höhenangst, die zu Einschränkungen oder schädlichem Verhalten im Alltag führen können und oft mit einem hohen Leidensdruck einhergehen.

Typen von Angsterkrankungen

Bei der Panikstörung wird der Betroffene plötzlich und vollkommen unerwartet von panischer Angst, zu sterben, verrückt zu werden oder die Kontrolle zu verlieren, überfallen. Bei der sogenannten Agoraphobie ist es dem Betroffenen unmöglich, bestimmte Plätze oder Orte wie Kaufhäuser und Marktplätze aufzusuchen, mit dem Bus oder Auto zu fahren oder Fahrstühle zu benutzen, da er Angst hat, nicht "fliehen" zu können.
Bei sozialen Ängsten besteht vor allen Dingen die Befürchtung, etwas Peinliches oder Unangenehmes in der Öffentlichkeit zu tun, für das man sich dann schämen müsste. Deshalb wird der Kontakt zu anderen Menschen häufig gemieden. Es können aber auch eher diffuse Ängste und Befürchtungen bestehen, dass nahen Angehörigen etwas passieren könnte oder dass das Leben an sich negativ verlaufen wird, hierbei spricht man von einer generalisierten Angststörung.


Zur Person

Dr. Alexander Gabriel

 

„Angst ist ein Gefühl, das jeden betrifft.“

Der Psychiater und Stationsarzt der Station 3 der Fliedner Klinik Berlin schätzt die Therapie gegen Angst- und Zwangserkrankungen als eine sehr lebendige, aktive Therapie. Er sagt: „Ich finde Angst spannend, weil es ein Gefühl ist, das jeder kennt und jeden betrifft. Die Auseinandersetzung mit Ängsten bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Leben an sich. Angst zeigt auch im besonderen Maße, wie ein normales Gefühl in seiner übersteigerten Form den einzelnen aus seinem vertrauten Leben werfen kann.“
 

Dipl.-Psych. Katja Lüdecke

 

„Man teilt wichtige Erfahrungen mit dem Patienten.“

In der Expositionstherapie ist Psychologin Katja Lüdecke dabei, wenn der Patient sich seiner Angst oder seinen Zwängen stellt. „Man kommt dem Patienten sehr nah und ist bei ihm bei einer sehr wichtigen Erfahrung. Das ist für mich ein sehr schönes Gefühl. Als Therapeutin kann ich die Erfolge unmittelbar miterleben.“