Station 2 | Schwerpunkt

(Komplexe) Traumafolgestörungen und chronische Depression

Station 2 bietet für Patienten mit Stressfolgeerkrankungen und Traumafolgestörungen spezialisierte Behandlungsangebote. Die Station hat einen Schwerpunkt auf der Acceptance Commitment Therapie (ACT). Es kommen Stressmanagementstrategien, Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) oder Imagery Rescripting and Reprocessing Therapy (IRRT) zum Einsatz.

Nachgefragt

Dr. rer. medic. Susan Gruber, Psychologin auf Station 2 der Fliedner Klinik Berlin Tagesklinik, im Gespräch über Achtsamkeit und die innere Haltung. Lesen Sie auch das Gespräch mit Psychotherapeutin Raffaela Blöink zur Traumabehandlung.
 

"ACT ist Therapieform und Lebenseinstellung zugleich"

In dem ruhigen Raum in der fünften Etage der Tagesklink ist die Entschleunigung spürbar. Dr. Susan Gruber arbeitet dort mit ihren Patienten mit den Prinzipien des ACT-Ansatzes: Im Zentrum stehen Achtsamkeit, Akzeptanz für schwierige Situationen und die Frage danach, was dem Einzelnen wirklich wichtig ist in seinem Leben. Im Gespräch erklärt sie, woher die junge Therapieform kommt, wie sie sich von klassischen Verfahren unterscheidet und warum sie funktioniert – auch in ihrem eigenen Alltag.

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Frau Dr. Gruber, wie sind Sie eigentlich ACT-Therapeutin geworden?

Eigentlich war es eher ein Zufall, ich habe damals in den USA an der University of California Los Angeles (UCLA) in einem Forschungszentrum gearbeitet. Diese Arbeitsgruppe hat mit der Gruppe von Steven Hayes, einem der Gründer des Ansatzes, zusammengearbeitet. Ziel war es zu vergleichen, wie wirksam klassische Verhaltenstherapie und ACT bei der Behandlung von Angststörungen sind. Ich kannte ACT vorher noch nicht und fand den Ansatz spannend. Daher habe ich die Gelegenheit genutzt an Workshops teilzunehmen und konnte dann an der Vergleichsstudie als Studientherapeutin mitarbeiten. Der Ansatz hat mich dabei fachlich wie persönlich so fasziniert, dass ich dann „dran geblieben“ bin. Deswegen war es mir auch ein Anliegen, den Ansatz auch in der Fliedner Klinik Berlin einzubringen.


Auf Station zwei der Tagesklinik der Fliedner Klinik Berlin stehen ja auch chronische Depressionen im Vordergrund. Warum wird ACT hier angewandt?

Patienten mit chronischen Depressionen haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. Dazu gehören in der Regel auch Bewältigungsversuche, die nicht oder nicht ausreichend funktioniert haben. In der ACT gehen wir davon aus, dass eine Ursache für dieses Leiden in der Vermeidung belastender Gedanken oder Gefühle wie Schmerz, Angst oder Wut liegt. Diese Vermeidung erweist sich in bestimmten Kontexten als nicht hilfreich oder führt sogar zur Verstärkung des Leids. Gerade bei chronischen Depressionen haben sich diese Kontrollstrategien oft manifestiert.
In der Therapie identifizieren wir diese Mechanismen und fördern eine Haltung der Bereitschaft, auch negative Gefühle anzunehmen. Wir fördern also die „Akzeptanz“ dafür. Das gibt den Patienten mehr Wahlmöglichkeit über ihr Tun. Hier kommt der zweite Schwerpunkt der Therapie, das „Commitment“ ins Spiel. Dabei geht es darum, dass sich die Patienten ihre persönlichen Werte und Ziele bewusst machen und ihr Leben mehr in Einklang mit ihren Werten bringen. Wir unterstützen sie dabei, entsprechendes Verhalten zu fördern und einen veränderten Umgang mit Gefühlen und Gedanken zu finden, die auf diesem Weg auftauchen, wie etwa negative Bewertungen, Zweifel oder Ängste.


Was ist das "Neue" an ACT im Gegensatz zur klassischen kognitiven Verhaltenstherapie?

Wie andere Verfahren der Dritten Welle (s. Info Kasten) erweitert ACT das Repertoire der klassischen Verhaltenstherapie um Prinzipien der Achtsamkeit und Akzeptanz. Es werden zahlreiche klassische verhaltenstherapeutische Methoden angewendet, aber auch therapeutische Interventionen, die sich davon zum Teil deutlich unterscheiden. In der ACT versuchen wir z.B. nicht, den Inhalt schwieriger Gedanken zu verändern – wir helfen stattdessen dabei, dass das Verhältnis zu ihnen verändert wird. Wir erreichen damit, dass ihr Einfluss verringert wird und wir nicht notwendigerweise unser Verhalten an ihnen ausrichten. Der größte Unterschied ist aber, dass in der Therapie nicht auf die Beseitigung unerwünschter innerer Erfahrungen, also nicht die Reduzierung von Symptomen abgezielt wird, sondern vielmehr auf die Verfolgung einer reichen, vitalen und sinnorientierten Lebensgestaltung, die unangenehme Gefühle zulässt.

Dritte Welle der Verhaltenstherapie

Die sogenannte „Dritte Welle der Verhaltenstherapie“ ist eine Bezeichnung für eine Reihe von Verfahren, die seit den 1990er Jahren nach der „kognitiven Wende“ zunehmend in der Verhaltenstherapie rezipiert wurden. Gemeinsam sind allen Ansätzen die Berücksichtigung wichtiger allgemein-psychologischer Dimensionen jenseits von Kognition und Verhalten, deren Thematisieren auf einer Metaebene sowie die meist störungsspezifische therapeutische Einbettung. Berücksichtigung finden das Konzept der Achtsamkeit als das

 

bewertungsfreie Wahrnehmen und Annehmen der eigenen inneren und äußeren Realität, das Konzept der Sinngebung als Reflexion und Umsetzung der eigenen Werte sowie bindungs- und interaktionell orientierte Konzepte. Gemeinsam ist allen zudem das zugrundliegende Verständnis, dass sich psychische Entwicklung meist durch die Dialektik von Akzeptanz und Veränderung vollzieht. Die Fliedner Klinik Berlin legt großen Wert auf den Einsatz dieser Therapieformen.


Damit reicht der Wirkungsgrad von ACT also über die Therapie psychischer Leiden hinaus?

Zunächst ist ACT ein transdiagnostisches Erklärungs- und Therapiemodell, also eines, das für viele unterschiedliche psychische Leiden angewandt werden kann. Gleichzeitig handelt es sich bei ACT im engeren Sinne auch um ein Modell darüber, welche Faktoren psychische Flexibilität verringern bzw. eben auch fördern. Deswegen wird ACT zum Beispiel auch bei Krebserkrankungen oder Diabetes angewendet.

Damit ist es als allgemeines Lebensmodell für uns Menschen – also Therapeuten eingeschlossen –so attraktiv, das spiegelt sich in der Haltung wieder. Wir sind im Grunde gleichgestellt mit den Patienten in unserem menschlichen Erleben und Verhalten und bringen unsere Erfahrungen an entsprechenden Stellen in der Therapie ein. Akzeptanz und Bereitschaft sind gewissermaßen eine Lebenshaltung.


Braucht man diese Akzeptanz und Bereitschaft in Berlin stärker als in anderen Städten?

Ob man in Berlin mehr Akzeptanz braucht – so pauschal kann man das vielleicht nicht sagen. Wenn man davon ausgeht, dass es in Berlin als Großstadt mehr äußere Bedingungen gibt, die geeignet sind, bei den meisten Menschen Stress auszulösen – also Lärm, viele Menschen, aber auch Anonymität und damit vielleicht Einsamkeit – dann ist ein akzeptierender Umgang sicher hilfreich, um auch entsprechend konstruktiv zu reagieren. Wichtig ist aber, dass es bei Akzeptanz in der ACT um die Akzeptanz inneren Erlebens geht, und die Auslöser davon sind vielfältig. Gleichzeitig denke ich, dass eine Stadt wie Berlin mit ihrer kulturellen Vielfalt und Offenheit gute Möglichkeiten bietet, das eigene Leben nach individuellen Vorstellungen und Neigungen zu gestalten.


Wie sieht die Therapie für den Patienten denn praktisch aus?

In der Therapie arbeiten wir viel mit Metaphern und erlebensbasierten Übungen. Natürlich spielt das Training in Achtsamkeit eine große Rolle, außerdem kommt Humor zum Einsatz, vor allem im Umgang mit Gedanken. Mit ihrer ganz eigenen Qualität und der Nähe zu den buddhistischen Philosophien erleben viele Patienten die ACT nicht nur als etwas, das ihnen bei der Bewältigung ihrer aktuellen Probleme hilft, sondern als bereichernde Haltung für ihr Leben. Das geht mir und vielen meiner Kollegen auch so, was ein echtes therapeutisches Engagement fördert.


Können Sie ein Beispiel für diese "Innere Haltung" geben?

Der „innere Schweinehund“ eignet sich, um Commitment zu erklären, also was es bedeutet an einer Sache ‚dran zu bleiben‘, die den eigenen Werten entspricht und vielleicht nicht immer leicht ist. Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag: gestern hatte ich keine Lust, Joggen zu gehen und hatte natürlich zahlreiche Ausreden, die mich beinahe von meinem Plan abgehalten hätten. Die ACT-Strategien helfen mir in dieser Situation, die Unlust anzuerkennen und die Ausreden zu bemerken UND mich damit auf den Weg in den Park zum Joggen zu machen. Das heißt mein tatsächliches Verhalten an meinen Werten, nämlich eine gesunde Lebensweise zu pflegen, auszurichten statt dem inneren Erleben - hier dem wohlbekannten „Schweinehund“ - die Macht zu geben. ACT verhilft zu Flexibilität, ich kann (wieder) entscheiden, was ich tun möchte. Und wenn das, was ich tue, im Einklang mit meinen Werten steht, stellt sich Zufriedenheit ein.


Das heißt, dass Sie ACT auch für sich persönlich anwenden?

Ja, man kann nicht ACT-Therapeut sein ohne das, was das Modell vermitteln will, auf sich selbst anzuwenden. Auch ich versuche, meine Gedanken dort, wo sie mir nicht helfen, nicht so ernst zu nehmen, sondern sie zu beobachten und Achtsamkeit zu üben, damit ich mich darin nicht so verstricke. Darum geht es ja bei ACT: Den Fokus auf das zu lenken, was wirklich wichtig ist.

Was ist ACT?

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT, gesprochen wie das englische Wort „act“: „handeln“) ist ein Ansatz, der zu den Verfahren der sog. Dritten Welle der Verhaltenstherapie gehört und in den 1980er Jahren von Steven Hayes, Kelly Wilson und Kirk Strosahl begründet wurde. Die ACT verfolgt als übergeordnetes Ziel, psychische Flexibilität zu fördern, um die Grundlage für ein authentisches und werteorientiertes Leben zu schaffen. Es gibt mittlerweile eine gute empirische Datenlage zur Wirksamkeit der ACT bei zahlreichen psychischen Störungen.


Zur Person

„Ich möchte meinen Patienten helfen, eine bereichernde Haltung für ihr Leben zu entwickeln. Auch über ihre Krankheit hinaus.“
 

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Dr. Susan Gruber, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin war 2009 ACT-Studientherapeutin an der University of California, Los Angeles, und beschäftigt sich seitdem mit diesem Therapieansatz. Verhaltenstherapeutische Ausbildung und Tätigkeit seit 2005 in Chemnitz, Aachen und Berlin. Forschung und Promotion im Bereich Neuropsychologie affektiver Erkrankungen an der Medizinischen Fakultät des Universitätsklinikums Aachen.