Station 1 | Schwerpunkt

Essstörungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen

Station 1 bietet für Patienten mit Emotionsregulations- oder Essstörungen eine Kombinationsbehandlung aus essstörungsspezifischen Interventionen und einer Orientierung am Ansatz der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), zudem schematherapeutische, gestaltungstherapeutische und achtsamkeitsbasierte Interventionen.

Nachgefragt

Monika Strathmann, Psychologin auf Station 1, über das modulare Konzept der Tagesklinik und die Notwendigkeit von Wertschätzung und Verständnis

 

Radikale Akzeptanz und ein gesunder Humor

An diesem Freitagnachmittag ist es ruhig auf den Fluren der Station 1; die Abschlussrunde für einige Patienten, die ihre Therapie in der Fliedner Klinik Berlin beenden, beginnt in einer halben Stunde. Für die Diplom-Psychologin und angehende DBT-Therapeutin Monika Strathmann immer ein besonderer Moment, denn in diesen Runden spiegelt sich der Kern ihrer Arbeit und die Besonderheit ihrer Station wider. Im Gespräch verrät sie ganz persönlich, warum das so ist, und gibt einen spannenden Einblick in ihren Arbeitsalltag auf der Station 1 der Fliedner Klinik Berlin.

Warum ist es gerade der Abschied von Patienten, der viel über Ihre Arbeit aussagt?

Im Rahmen der zwölfwöchigen Therapie gibt es viel Nähe und Zuspruch. In der Diagnostik- und Motivationsphase erarbeitet der Patient seine höchst persönliche Analyse und Zielsetzung, die er dann vor dem ganzen Team der Station vorstellt. Gemeinsam hierarchisieren wir die Problematiken und entwickeln einen Plan für die Therapie. Das heißt, schon zu Beginn der therapeutischen Arbeit steht für Patienten und Therapeuten ein großer Leitsatz fest: Wir arbeiten hier als Team zusammen. Der Gedanke, das zu verlieren, kann viel Angst auslösen und alte Problematiken wieder hochholen.

Welche Problematiken bringen denn die Patienten mit, die auf Ihrer Station behandelt werden?

Im weitesten Sinne kommen Patienten mit selbstschädigenden, wir nennen das "dysfunktionalen" Verhaltensweisen zu uns, vor allem Affektregulationsstörungen und Impulskontrollstörungen. Häufig sind zum Beispiel Probleme mit der Emotionsregulation – Gefühle sind stärker als bei anderen Personen und halten deutlich länger an. Insgesamt fallen viele dieser Symptome in das Bild einer Borderline-Störung, auch wenn nicht alle Patienten bei uns das Vollbild dieser Krankheit erfüllen.

Was heißt das konkret?

Wir haben schwerpunktmäßig den Bereich der Essstörungen, und viele Patienten - beispielsweise im bulimischen Bereich - bringen eine emotionale Instabilität mit. Diese kann im Rahmen einer Borderline-Störung auftreten, das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein, obwohl die Komorbiditäten zwischen beiden Krankheiten sehr hoch sind. Gleiches gilt für die Depression, Suchterkrankungen oder Selbstverletzung.


Gerade in den Medien wird Selbstverletzung ja häufig zusammen mit dem Borderline-Syndrom thematisiert – woran liegt das?

Ich erkläre mir das so, dass uns das als eines von vielen Symptomen einer Borderline-Störung vielleicht am meisten befremdet. Das hat ja auch etwas sehr Erschreckendes. Dabei ist Selbstverletzung in erster Linie ein Lösungsversuch, sich aus den sehr starken Anspannungen und dem Gefühlschaos zu befreien. Es löst Patienten auch aus dem Gefühl der Dissoziation: Sie spüren ihren Körper wieder. Auch viele andere Verhaltensweisen, beispielsweise Suchtverhalten, zielen darauf ab, sich irgendwie aus diesem Leiden rauszuholen, und das muss man auch erst einmal würdigen in der Behandlung.

Was zeichnet diese Behandlung denn aus?

Einer der wichtigsten Bausteine der Therapie ist das Konzept der radikalen Akzeptanz, d.h. das Annehmen der eigenen Situation und der eigenen Reaktionen darauf, so wie sie sind, auch wenn das schmerzhaft ist. Wir nehmen den Patienten nicht nur etwas weg, wie selbstschädigende Verhaltensweisen, sondern geben ihnen konkrete Lösungsstrategien an die Hand. Das ist das Besondere an dem Konzept der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), das wir auf unserer Station anwenden. Damit können wir die unterschiedlichen Problematiken und ihre begleitenden Störungen manualisiert behandeln. Das heißt, wir können mit verschiedenen Bausteinen eine besonders zielgerichtete Behandlung für jeden Patienten individuell möglich machen.

Was bedeutet das für die Patienten?

Durch die klare Zieldefinition und die DBT schaffen wir einen sehr würdigenden und produktiven Rahmen, das nehmen auch die Patienten wahr. Viele fühlen sich wie ein Monster, das falsch in der Welt ist – wir können ihnen durch die Therapie und den Kontakt mit anderen Patienten dieses Gefühl nehmen und vor allem zeigen, dass sie nicht alleine damit sind.

Welche Heilungschancen sehen Sie?

Bezogen auf die Borderline-Störung kann man aber tatsächlich von Heilbarkeit sprechen. Das ist sehr erfreulich, denn das hätte man früher gar nicht gedacht. Ansonsten ist der Begriff „gilt heilbar“ aus meiner Sicht kritisch zu sehen. Besser wäre davon zu sprechen, dass Kriterien für die Störung nicht mehr erfüllt werden – es gibt also eine deutliche Senkung schädlicher Verhaltensweisen.

Sie behandeln ja mitunter auch anspruchsvolle Charaktere. Ist das nicht auch eine besondere Herausforderung für Sie als Therapeutin?

Früher hat man mal gesagt, „ein Borderline-Patient stellt die ganze Station auf den Kopf“ – das ist durch unsere Therapieform nicht mehr der Fall. Wir lernen permanent, das ist ja das Schöne an der DBT. Sowohl im Team, durch intensive Supervisionen und enge Zusammenarbeit aber auch zum Patienten gilt: Wir begegnen uns auf Augenhöhe, das hilft ungemein! Borderline-Patienten haben außerdem oft einen guten Humor – auch einen sehr schwarzen – was ich persönlich sehr gerne mag.
Natürlich bin ich als Therapeutin auch mal angespannt – aber auch da hilft die DBT: Ich bin achtsamer geworden und habe gelernt, wie ich besser mit Stress umgehen kann. So ein Skills-Training kann eigentlich jeder gebrauchen.

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie

Hinter der Abkürzung DBT verbirgt sich ein anerkanntes, empirisch belegtes, ambulantes Verfahren aus den USA. Ursprünglich entwickelt durch die Therapeutin Marsha M. Linehan zur Behandlung suizidaler, als untherapierbar geltender Patienten, wird es heute für unterschiedlichste Leiden wie Ess-, Sucht- oder Impulskontrollstörungen angewandt. Die manualisierte Behandlung ist dabei sehr trainingsbasiert: In den drei therapeutischen Kernbestandteilen (Veränderungs-, Validierungs- und dialektische Strategien) stehen radikale Akzeptanz, Achtsamkeit, und Selbststeuerung im Vordergrund. Auf Grund guter Erfahrungen mit der DBT strebt die Fliedner Klinik Berlin eine Zertifizierung der Station 1 als teilstationäre DBT-Behandlungseinheit an.
 

Zur Person

"Ich kann einen Weg bahnen, dass Patienten mit ihrer Krankheit umgehen können - das ist eine sehr erfüllende Aufgabe!"

 

Die Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin arbeitet auf der Station 1 in Gruppen- und Einzelsituationen mit unterschiedlichsten Patienten zusammen. Ganz im Sinne ihrer Weiterbildung zur zertifizierten DBT-Therapeutin stehen für sie Wertschätzung, Teamarbeit mit Patienten und Kollegen sowie die Erarbeitung praktischer Lösungsstrategien im Vordergrund.