Station 4 | Schwerpunkt

Seelische Erkrankungen im Alter 60plus

Station 4 bietet Psychotherapie 60plus an. Das Konzept der psychotherapeutischen Behandlung ist besonders auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet. Neben der Diagnostik von Konzentrations- und Gedächtnisproblemen stehen die zahlreichen Veränderungen im Fokus, die besonders Menschen nach der aktiven Berufszeit betreffen. Häufige negative Erfahrungen sind Verlusterlebnisse sowie körperliche und geistige Funktionseinschränkungen. Sozialer Rückzug, ausgeprägt negative Bewertungen der eigenen Person und mangelnde Kompetenzerwartungen sind Zeichen eines depressiven Syndroms. Entgegen der häufigen Annahme, diese Reaktionen seien bei älteren Patienten bzw. in bestimmten Lebenssituationen normal und kaum therapierbar, können depressive Erkrankungen bei älteren Menschen erfolgreich behandelt werden.

 

Nachgefragt

Dr. Nicole Bührsch, Psychologin auf Station 4, im Gespräch über die Psychotherapie mit älteren Menschen

be old - be happy - be Berlin
 

Frau Dr. Bührsch, „Psychische Gesundheit bei der urbanen Bevölkerung in Berlin“ ist eines der Leitthemen unserer Arbeit. Bietet Berlin Ihrer Ansicht nach einen gesunden Lebensraum für ältere Menschen?

Berlin bietet eine immense Vielfalt an kulturellen, gesellschaftlichen, sport- und freizeitorientierten Angeboten speziell für ältere Menschen. Dies sowohl für die so genannten „jungen Alten“ als auch für die Hochbetagten. Natürlich ist auch das medizinische Versorgungsangebot sehr breit gefächert und vor allem gut erreichbar im Vergleich zu ländlichen Regionen. Insofern bietet Berlin sehr gute Voraussetzungen für einen gesunden Lebensraum. Auch für ältere und insbesondere aktive und interessierte „Neuberliner“!
Problematisch ist oft die große und überfordernde Auswahl und dass ältere Menschen diese Angebote aktiv aufsuchen müssen. Das unterscheidet Berlin von ländlichen Regionen mit lange gewachsener Gesellschaftsstruktur. Dort gibt es eine eher informelle Art der Freundschafts- und Nachbarschaftshilfe. Oft werden ältere Menschen aktiv aufgesucht, integriert und zu gemeinsamen Aktivitäten motiviert. Dies müssen ältere „Berliner“ kompensieren.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Risiken für ältere Menschen?

Als Schlagworte möchte ich hier nennen: Nichterfolgte oder fehlgeschlagene Assimilations- und Akkommodationsprozesse sowie soziale Isolation. Das Älterwerden und die Veränderungen oder gar der Verlust von beruflichen, gesellschaftlichen, sozialen, familiären und nicht zuletzt physischen Funktionen stellen besondere Anforderungen an die individuellen Anpassungsfähigkeiten. Eine fehlende Akkommodation meint also das Festhalten an Werten und Zielen, ungeachtet der veränderten Möglichkeiten. Eine fehlende Assimilation meint die vorschnelle Aufgabe von Werten und Zielen ungeachtet der Möglichkeiten, die Umwelt- und Umfeldveränderungen aber tatsächlich bieten. Schlagen diese Anpassungsleistungen fehl oder werden erst gar nicht angewendet, sind Unzufriedenheit, Traurigkeit und Verlustschmerz besonders wahrscheinlich. Ein Teufelskreis schließt sich oft an: Ältere ziehen sich sozial zurück, fühlen sich einsam, verpassen in dieser Stimmung aber auch die potentiell anregende Möglichkeiten ihres Umfelds und verstärken so die negativen Gefühle.

Wie kann die Psychotherapie älteren Menschen dabei helfen?

Die gute Nachricht ist, dass die vielfältig vorhandenen guten Psychotherapiemethoden bei älteren Menschen nicht grundsätzlich verschieden sind zu denen bei jüngeren Patienten. Niemand muss das „Rad neu erfinden“. Der Vorteil bei älteren Patienten ist oft, dass die Anliegen viel konkreter formuliert werden. Der Blick auf die eben angesprochenen größten Risiken für ältere Menschen zeigt auch gleichzeitig den wichtigsten Ansatzpunkt in der Psychotherapie: eine Bereitschaft und Basis schaffen für gelungene Anpassungsleistungen. Dabei ist die Würdigung bisheriger Leistungen und Erfahrungen – positiver wie negativer – ebenso wichtig wie die Ermutigung zu neuen Erfahrungen bzw. der Beibehaltung wesentlicher Lebensziele. Ein wichtiges Anliegen ist es, realistische und umsetzbare (soziale) Aktivitäten zu fördern.

„Wie hieß noch gleich….? Wo ist denn nur mein…?“: Ab wann muss man sich über nachlassende Gedächtnisleistungen Sorgen machen?

Das vorübergehende Vergessen von Namen oder die Schwierigkeit, sich an eine vor kurzem getroffene Absprache zu erinnern, wird mit zunehmendem Lebensalter immer wahrscheinlicher. Leider gibt es keine Formel wie „Mehr als 3xtäglich etwas vergessen über zwei Wochen ist klinisch bedeutsam!“. Diese Frage muss stattdessen sehr individuell beantwortet werden. Wichtig ist zum Beispiel, wie vergesslich jemand schon immer war, wie konstant oder veränderbar die Problematik ist. Häufig ist die Sorge über nachlassende Gedächtnisleistung viel einschränkender als die Gedächtnisstörung selber. Diese ist häufig auch nicht über das „normale Vergessen“ hinausgehend. Deshalb möchte ich jeden ermuntern, sich mit dieser Frage frühzeitig an Gedächtnissprechstunden oder Fachärzte zu wenden. So kann festgestellt werden, ob es tatsächlich abweichende Einschränkungen gibt und welche Ursachen diese haben.

Viele ältere Menschen werden aufgrund zunehmender Einschränkungen von ihren Angehörigen gepflegt. Worauf sollten Ihrer Meinung nach Angehörige dabei achten?

Pflegende Angehörige haben oft ganz nachvollziehbare Ängste vor den negativen Auswirkungen oder Voranschreiten der Erkrankung. Ältere Patienten selbst leiden typischerweise am Verlust der eigenen Autonomie und Selbstbestimmtheit sowie daran, eigene Bedürfnisse und Ziele zurückstecken zu müssen. Häufig sind bei allen beteiligten Überforderungsgefühle, Hilflosigkeitserleben und Trauer. Vielen Pflegenden fällt es schwer, in dieser Situation Hilfe von außen anzunehmen. Dabei kann es bereits sehr hilfreich sein, Wissen über die Erkrankung zu haben und daraus geeignete und nützliche Umgehensweisen für sich selbst und den Angehörigen abzuleiten. Deshalb ermutige ich alle pflegenden Angehörigen, Partner wie Familienmitglieder, die Pflege auf mehrere „Schultern“ zu verteilen, das eigene Leben nicht völlig in den Hintergrund zu stellen und sich sowohl gute Informationen über die Erkrankung des Angehörigen zu suchen, aber auch gute Möglichkeiten für einen eigenen Ausgleich zu schaffen – ohne Schuldgefühle. Nur wer für seine eigene Ausgeglichenheit sorgt, kann seine Angehörigen gut pflegen.

Auch Psychotherapie lebt von Innovationen. Welche Entwicklungen für die Psychotherapie älterer Menschen finden Sie am interessantesten?

Das Ziel einer Therapie ist nicht immer, die frühere Normalität wieder zu erlangen, sondern die eigene Selbständigkeit zu erhalten. Daher sehe ich in der kreativen Integration neuer Medien und computergestützter Hilfsmittel eine überaus viel versprechende Entwicklung in der Psychotherapie.

 

Zur Person

Fr. Dr. rer. nat. Nicole Bührsch ist Psychologische Psychotherapeutin und Verhaltenstherapeutin und ausgewiesene Expertin in der Diagnostik und Behandlung altersassoziierter psychischer Störungen. Dazu gehören neben Gedächtniserkrankungen psychologische Krisen des höheren Lebensalters. Aber auch in der Beratung von Angehörigen hat sie langjährige Erfahrung. Nicole Bührsch war über viele Jahre Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedächtnissprechstunde der Tagesklinik für Altersmedizin der Charité, Campus Benjamin Franklin. Dort hat sie ein spezifisches Gruppentherapiekonzept "Depression im Alter" entwickelt und war an vielen Forschungsprojekten zu psychischer Gesundheit im Alter beteiligt.