Mythen, Medikation und Monotonie-Stress:
ADHS in der Psychiatrie


Fliedner Auditorium über Diagnose, Fehlannahmen und Therapie von ADHS bei Erwachsenen

Von Mythen sind auch Expertinnen und Experten nicht gefeit. Sei es die eigene familiäre Erfahrung, ein Fachartikel über ein Präparat oder der letzte Patient, an den mit seiner ADHS so schwer heranzukommen war. Dr. med. Marc Edel, der seit fast zwanzig Jahren über das Thema ADHS bei Erwachsenen forscht, hat sich in seinem Vortrag im Fliedner Auditorium der Fliedner Klinik Stuttgart das Ziel gesetzt, Klarheit zu schaffen.  Gleichzeitig ermutigt er das Fachpublikum, die Unsicherheit, die mit der Individualität der Betroffenen einhergeht, als Chance für eine besondere und konstruktive Zusammenarbeit zu begreifen.

„Bei ADHS denke ich direkt an den Zappelphillipp!“

Wer an die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) denkt, dem erscheint zunächst der kleine Junge, der Lehrpersonal und Eltern vor allem mit Hyperaktivität und Impulsivität  beansprucht. Dabei sind es nicht nur die 'anstrengenden‘ Kinder, sondern auch die verträumten, unsortierten oder nur durch äußere Strukturen zum Funktionieren gezwungenen Persönlichkeiten, die unter der Krankheit ADHS leiden – oft ohne, dass es bemerkt wird. Dazu kommt, dass es keine Symptomatik ist, die einzig bei Kindern auftritt. Rund 60 Prozent der Betroffenen zeigen auch nach der Pubertät noch Symptome, die ihr Leben wesentlich beeinflussen. Wichtig sei, so ADHS-Experte Edel, dass die Störung als solche erkannt und behandelt wird. Zahlreiche Mythen stehen dabei aber oft im Wege. Dazu gehört zum Beispiel die folgende Annahme:

„ADHS ist doch keine richtige Diagnose sondern ein Begriff der Pharmaindustrie, die Geld machen will!“

Bei Marc-Andreas Edel, der in seiner beruflichen Laufbahn viel über ADHS geforscht hat, stellen sich bei dieser Aussage die Nackenhaare auf. „ADHS ist eine der am besten erforschten psychiatrischen Diagnosen, die in beide weltweit wichtigen psychiatrischen Diagnose-Systeme (ICD-10 und DSM-IV/5) aufgenommen wurde.“ Auch das Pharmaargument sieht er als wenig hilfreich. „Es stimmt, dass die Pharmaindustrie Gewinne auch mit Stimulanzien macht. Studien belegen aber die Wirksamkeit der Substanzen. Das zeigen auch meine persönlichen Erfahrungen: Betroffene erleben dadurch eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität und darauf kommt es letztlich an.“ Ohnehin ist es bei der Diagnosestellung, die der Referent sehr feingliedrig erklärt (hier geht es zu den Folien ) zentral, den Leidensdruck festzustellen und die Diagnose entsprechend zu sichern. Nicht jeder, der ADHS-Symptome aufweist, ist auch behandlungsbedürftig erkrankt. Weil für den Psychiater der Mensch im Mittelpunkt seiner Arbeit steht, kritisiert er einen weiteren Mythos besonders scharf:

„Menschen mit ADHS-Diagnose rechtfertigen ihre Faulheit damit und sind für verschiedene Berufe ungeeignet.“

„Das ist eine Unterstellung mit weitreichenden Folgen“, erklärt Edel. „Betroffene wollen sich konzentrieren, strukturieren oder regulieren um mit anderen gut zu Recht zu kommen und den Beruf auszuüben, den sie frei gewählt haben.“ Anzunehmen, sie bemühten sich nicht wirklich, hieße hingegen, den Betroffenen in seinem Leiden nicht ernst zu nehmen. Gut therapiert können Betroffene eigentlich jeden Beruf erfolgreich ausüben. Natürlich ist die Therapie für die Betroffenen erstmal eine große Herausforderung – geht die Störung doch mit einem deutlich beeinträchtigten Lernen einher. Aber hier helfe die Basismedikation und vor allem der bei der ADHS-Behandlung so wichtige kombinierte Therapieansatz:  Gestuft angebotene Psychoedukation, Psychotherapie, Pharmakotherapie mit unterschiedlichen Ergänzungen sind der wirksamste Weg das Krankheitsleiden zu mindern.

Außerdem dürfen die positiven Aspekte der Symptomatik, die mit der Diagnose ADHS einhergehen, nicht vergessen werden, erinnert Edel: „Betroffene zeigen besondere Fähigkeiten, wie Begeisterungsfähigkeit, Kreativität oder Beharrlichkeit. In bestimmten Berufszweigen können sie besonders ‚zur Blüte gebracht‘ werden.“ Diese Ressourcen sollten auch in der Therapie eine wesentliche Rolle zukommen.

„Also ist ADHS ein Lebensthema?“

„Ja und nein. Die Störung verschwindet auch nach einer Therapie nicht einfach.“ Sagt ADHS-Experte Edel. „Meiner Erfahrung nach reicht es in den meisten Fällen aber, wenn eine medikamentöse Therapie nur einige Jahre lang durchgeführt wird. Es gibt außerdem gute ergänzende Ansätze, die das symptomfreie Leben möglich machen.“ Grundsätzlich gilt „mit einer Diagnose haben Betroffene ein Erklärungsmodell für leidvolle Erfahrungen mit der Störung und haben auch bei Begleiterkrankungen bessere therapeutische Möglichkeiten. Das ist entlastend.“

Die Folien zum Vortrag können Sie hier herunterladen.