Rückblick

Die Fliedner Klinik Stuttgart hat es sich zum Ziel gesetzt, sich aktiv in den Diskurs über aktuelle Themen aus Psychiatrie und Psychotherapie einzubringen. Einen Rückblick zu unseren vergangenen Veranstaltungen, Engagements und Projekten haben wir Ihnen hier zusammengestellt.


Vernissage zur Fliedner Galerie "Burn-Out" (Michael Haußer) am 31. Mai 2017
Farbspektakel mit Tiefgang
Ein nahbarer Künstler und ein sehr persönlicher Rahmen, in dem man sich begegnen kann – die Vernissage der Fliedner Galerie mit Michael Haußer am 31. Mai in der Fliedner Klinik Stuttgart war für Besucher und Veranstalter eine ganz besondere Abendveranstaltung.

Die Bilder an den langen Wänden in der Fliedner Klinik Stuttgart sind ein materialistisches Farbspektakel: Rasende Motorräder geben der Ausstellung ihren Namen „Burn-out“, der sich passend in den Ausstellungsraum wie die Künstlerbiografie einpasst. Michael Haußer zeigt in seiner Werkschau eine Lesart seiner Kunst auf. Er erklärt wie sich die Mischung aus Gestaltung und Zufall in der materiellen Eigenart der Farbei abbildet und auch, warum das Thema psychische Gesundheit für Ihn etwas ganz Persönliches ist. Die Spannungen von Persönlichkeit und Empfindung bilden sich gleichermaßen in seiner Kunst ab, wie auch mögliche Auswege aus Belastungssituationen.

Das fällt auch Gastgeberin Barbara Wild auf. In ihrer Begrüßung spannt sie den Bogen vom Motorradtrick „Burn-out“ bis hin zum gleichnamigen Krankheitsbild, das auch in der Fliedner Klinik Stuttgart behandelt wird.  Die Kunst an den Klinikwänden sieht sie auch als Gegenmittel: „In den Bildern von Schwimmern, Blumen oder genüsslich verbrachter Zeit auf dem Boot liegen auch Lösungen für psychische Belastungssituationen: Achtsamkeit oder Genuss. Ohnehin bin ich von der therapeutischen Wirkung der Kunst überzeugt.“ Die Kunst in die Klinik zu holen, ist der Chefärztin auch aus einem zweiten Grund ein besonders Anliegen: „Mit jedem Besucher der Ausstellung von außen wird auch das Stigma, das der Psychiatrie und ihren Patienten anhaftet, nachhaltig reduziert.“

Bei den knapp vierzig Besuchern der Vernissage ist dieses Konzept aufgegangen: Die Klinik wurde zu einem Treffpunkt unterschiedlichster Besucher und zum einem Begegnungsort zwischen Kunst, Psychiatrie und Stadt.

Wer diesen besonderen Ausstellungsort einmal selber erleben möchte, der kann die Fliedner Klinik Stuttgart montags bis freitags zwischen 9 und 16 Uhr in die Lautenschlagerstraße 23 (im Bülow-Carre) besuchen und sich ein Bild machen. Ein ganz besonderer Anlass für einen Besuch ist außerdem die Finissage zur Ausstellung am 27. September mit Versteigerung eines der Werke von Michael Haußer.


Veranstaltung: Trauma Symposium am 10. Mai 2017
Reflektierter Werkzeugkasten zur Traumabehandlung
23 Liter Kaffee, sonnige 23 Grad Lufttemperatur, über 23 zusätzliche Stühle im Tagesraum; dass das Traumasymposium der Fliedner Klinik Stuttgart bei strahlendem Sonnenschein eine so große Zahl interessierter Hausärzte, Psychologen und Psychiater motiviert, einen Nachmittag in der Liederhalle zu verbringen, zeigt den großen Bedarf an Austausch und Fortbildung im Bereich Traumabehandlung.

Bereits im Dezember hat die Fliedner Klinik Stuttgart das Thema Traumatherapie bei Geflüchteten zum Thema gemacht. Das Trauma-Symposium in der Liederhalle setzte nun den Fokus stärker auf unterschiedliche Methoden und ihre Anwendung im klinischen und therapeutischen Alltag. Denn viele Patientinnen und Patienten haben traumatisierende Situationen erlebt: körperliche, sexuelle oder emotionale Misshandlungen. Oft liegen diese lange zurück und konnten vorübergehend kompensiert werden. Es reichen aber oft für sich genommen kleine Auslöser, um die Traumata wieder aktivieren. Wenn der Zusammenhang dann nicht erkannt wird, fällt die Einordnung und Behandlung der vielfältigen Symptome schwer.

Die fünf Referenten verschiedener Einrichtungen der Theodor Fliedner Stiftung haben es geschafft, in kompakter Form einen Überblick über fünf verschiedene, aktuelle Traumatherapien Verfahren zu geben. Die Spannbreite reichte über die Arbeit mit belastenden Bildern (IRRT –Imagery Rescripting and Reprocessing Therapy) die Behandlung von traumatisierten Borderline-Patienten (DBT-MBT), die Arbeit mit der narrativen Expositionstherapie (NET) in der Traumatherapie, die Bearbeitung von Traumafolgestörungen mit der Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) bis zur Vorstellung der EMDR in der Behandlung von traumatischem Stress.

In der abschließenden Diskussionsrunde wurden Vorzüge und Anwendungsbeispiele der Ansätze verglichen. Ein wichtiges Fazit zieht Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart, über die Gemeinsamkeiten der Verfahren: „Traumapatienten haben eine vorsichtige Distanz, die fordert, dass man ihnen mit Umsicht und Empathie begegnen muss. Es ist unsere Aufgabe, dem Patienten im therapeutischen Setting ein sicheres Gefühl zu geben. Dafür brauchen wir eine sichere, vertrauensvolle Beziehung. Grade Traumapatienten, bei denen ein großes Bedürfnis nach Kontrolle besteht, müssen eine gute Aufklärung bei jedem Schritt und Handlungsoptionen angeboten bekommen.“

In der Diskussion wurde außerdem deutlich, dass die Passung von Verfahren und Patient, aber auch zwischen Verfahren und Therapeut für den Erfolg der Behandlung entscheidend ist. Das fasst ganz am Ende auch eine Teilnehmerin in ihrem persönlichen Fazit zusammen: „Wenn man verschiedene Methoden der Traumabehandlung kennt, dann ist es leichter, die Methode individuell an die Bedürfnisse des Pateinten anzupassen. Dafür war der Überblick, den diese Veranstaltung geboten, hat äußerst hilfreich.“

 

 

Die einzelnen Vorträge zum Download: 
PITT (Dr. Gärtner) // IRRT (Dr. Blöink) // NET (Prof. Wild) // DBT-MBT (Dr. Edel) // EMDR (Dr. Bauer)


Interview: Prof. Wild im Gespräch über ihre erste Reise als Dozentin in den Irak Die befremdliche Mischung aus Krieg und Normalität(März 2017) Vor drei Wochen wurde das Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie der Universität Duhok (Irak, Autonome Provinz Kurdistan) eröffnet – ein Projekt des Wissenschaftsministeriums Baden-Württemberg, das 30 Studierenden die Möglichkeit gibt, Menschen, die von Krieg und Terror traumatisiert sind, zu helfen. Die Reise in den kriegsgeprägten Irak hat nicht nur den Bedarf an psychosozialer Betreuung und Psychotherapie vor Ort bekräftigt, sondern auch das Verständnis des Fachteams von Trauma und Traumabehandlung nachhaltig geprägt. Prof. Dr. Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart ist als Dozentin im Fachbereich Psychiatrie am Projekt beteiligt ist. Im Gespräch berichtet sie von erstaunlicher Normalität, den Herausforderungen der Traumatherapie und einer Begegnung im Flüchtlingslager.

Prof. Wild, wie kam es, dass Sie an diesem besonderen Projekt teilnehmen?

Das Thema Traumatherapie gehört zu meinen inhaltlichen Schwerpunkten. Im Dezember 2016 haben wir von der Fliedner Klinik Stuttgart eine Veranstaltung zum Thema Traumatherapie bei Geflüchteten gehabt. Auf Empfehlung von Martin Hautzinger, der in der Fliedner Klinik Stuttgart in leitender Position tätig ist, wurde Jan Kizilhan einer unser Podiumsgäste. In der Vorbereitung des Abends habe ich vom Dohuk-Projekt erfahren und angeboten, mich mit meiner psychiatrischen und traumatherapeutischen Expertise zu engagieren. Mein Arbeitgeber, die Theodor Fliedner Stiftung, unterstützt mein Engagement und das Projekt mit meiner Freistellung, wofür ich sehr dankbar bin.  Zwei Monate später konnte ich bereits die erste Vorlesung in Dohuk halten.

Was sind Ihre Aufgaben?

Derzeit bin ich als Professorin in der Lehre beteiligt. Meine erste Vorlesung fand zu den Grundlagen psychiatrischer Befunderhebung und Diagnosestellung statt. Im Mai findet nach derzeitigem Planungsstand meine zweite Reise statt, wo ich ebenfalls in der Lehre tätig sein werde. Sobald die Studierenden ihre erste Phase in Tübingen und Umgebung absolvieren, beteilige ich mich in der Vorstellung des Deutschen Systems. Zu den Aufgaben des gesamten Teams gehört neben den praktischen Tätigkeiten am Lehrstuhl meiner Meinung nach auch, die Wichtigkeit des Projektes immer wieder öffentlich hervorzuheben – das ist mir besonders vor Ort nochmal deutlich geworden.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, von dem Sie berichten können?

Ich habe die Reise erlebt als eine befremdliche und erstaunliche Mischung aus Normalität und Kriegszustand. Auf der einen Seite erlebe ich Großstadtleben mit gepflegten Grünanlagen, am nächsten Tag treffe ich in einem Flüchtlingslager einen 8-jährigen Jungen, der fast drei Jahre in den Händen der IS war und fast zwei Jahre als Kindersoldat missbraucht, geschlagen und schwer traumatisiert worden war. Und er ist einer von vielen traumatisierten Menschen aller Altersgruppen. Der Bedarf ist enorm groß und es gibt in den Konfliktregionen kaum Psychiater und keine Psychotherapeuten, jedoch zahlreiche traumatische Erlebnisse und Situationen.

Welcher Eindruck hat sich bei Ihnen festgesetzt?

Das Projekt bedeutet unheimlich vielen Menschen unheimlich viel. Es ist wahnsinnig wertvoll, mit Jan Kizilhan einen engagierten und hochkompetenten Fachmann an der Spitze des Projektes zu wissen, der in beiden kulturellen Welten zuhause ist. Ich habe großen Respekt vor dem, was er seit 2006 auf die Beine gestellt hat. Die formelle Unterstützung durch Herrn Kremp, den Deutschen Botschafter aus Bagdad und Frau Zainab Hawa Bangura, Sonderbeauftragte der UNO war insbesondere auch für die Studierenden etwas ganz Besonderes. Gleichzeitig bin ich unheimlich dankbar für die persönlichen Kontakte: Alle waren sehr offen und freundlich, der Universitätspräsident zum Beispiel hat uns zum Abendessen eingeladen. Ich freue mich schon jetzt, wenn die Beteiligten nach Tübingen kommen und wir uns ebenfalls als Gastgeber vorstellen dürfen.


Clown-Methode unter dem Mikroskop
Prof. Dr. Barbara Wild untersucht den Effekt von Clowns auf Sprachbehinderung bei Kindern

(März 2017) Clowns in Kliniken machen nicht nur Spaß, sondern helfen der Gesundheit. Was in Kinderkliniken, geriatrischen oder psychiatrischen Einrichtungen bereits weitestgehend erforscht wurde, ist im Kontext der Sprachbehinderungen bei Kindern derzeit noch ein Erfahrungswert ohne wissenschaftlichen Beleg. Um diese Forschungslücke zu schließen, begleitet Prof. Dr. Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart, ab dem 30. März 2017 die „Mutmachstunde“ im Sprachheilkindergarten Singen mit einer wissenschaftlichen Untersuchung. Zur Auftaktveranstaltung findet am 30.3.2017 um 10.30 Uhr eine Pressekonferenz im Sprachheilkindergarten Singen statt.

Seit 1986 werden Clowns und Humor zunächst in Kinderkliniken, in den vergangenen Jahren zunehmend auch in Geriatrie und Psychiatrie, therapeutisch eingesetzt – die positiven Effekte sind wissenschaftlich nachweisbar: Verbesserung der Stimmung, Ablenkung von Schmerzen oder Angst, Befriedigung des Spielbedürfnisses und dadurch die Verbesserung des Selbstwertgefühls und des Muts sowie die Möglichkeit, durch Symbolisierung Negatives verbal und nonverbal zu bearbeiten.

Daneben besteht die langjährige Erfahrung, dass durch Humor-Interventionen auch bei den Kindern mit Sprachbehinderungen sehr positive Entwicklungsschritte ausgelöst werden können. Um diese Effekte zu belegen, wird Humorforscherin Barbara Wild die Wiederaufnahme der Kooperation zwischen dem Tamala Center Konstanz und dem Sprachheilkindergarten in Singen wissenschaftlich begleiten. Ein- bis zweimal im Monat kommen dabei zwei Gesundheit!Clown® in den besonderen Kindergarten, um mit den Kindern einzeln zu arbeiten. Die Kinder sollen insbesondere in den Bereichen Grob– und Feinmotorik, Wahrnehmung, soziale Kompetenz und emotionale Stabilität in ihrer Entwicklung unterstützt werden.

Diese Interaktion steht im Zentrum des Interesses von Barbara Wild. „Es lohnt sich, nicht völlig etablierte Methoden wie die Interaktion mit Clowns zu untersuchen. Damit erweitern wir unsere Behandlungsmöglichkeiten und sichern diese natürlich auch ab.“ Im Kontext des Projektes „Mutmachstunde“ ist außerdem der Aspekt der Förderung wichtig: Besondere Therapieformen wie der Clownbesuch gehen oft mit besonderen Kosten einher. „Eine wissenschaftliche Begleitung und ggf. Bekräftigung der Wirkung erleichtert auch die Akquise von Förderern für diese wichtigen Projekte“, erklärt Barbara Wild. Das Projekt am Schulkindergarten Singen wird von der Stiftung Charlie Smile gefördert, die von Laura Chaplin, der Enkelin von Charly Chaplin und Schirmherrin des Projektes ins Leben gerufen wurde. Trotz weiterer finanzieller Unterstützung durch die Stiftung der Sparkasse Singen-Radolfzell, die Werner + Erika Messmer Stiftung, die Dietrich H. Boesken-Stiftung Singen und die Otto Sauter Stiftung bedarf es weiterer Sponsoren und Förderer.

Das Team des Sprachheilkindergartens Singen laden gemeinsam mit dem Tamala Center Konstanz und Laura Chaplin zur Pressekonferenz und Auftaktveranstaltung am 30. März 2017 zwischen 10.30 und 11.30 in den Sprachheilkindergarten Singen, Mühlenstraße 17 ein. Um Anmeldung wird gebeten (info@clown-und-comedy.de oder +49 7531 941 31 40 ).


Fliedner Auditorium: Traumafolgen als gesellschaftliche Aufgabe

Psychosoziale Hilfe für Geflüchtete / „Wir haben es mit starken Menschen zu tun“

Wirksame Trauma Behandlung bei Geflüchteten braucht neben kulturell wie fachlich geschulten Therapeuten genügend professionelle und supervisierte Dolmetscher, ein Finanzierungsmodell, das Krankenkassen und Behörden gemeinsam gestalten und nicht zuletzt frühzeitige Klärung des jeweiligen Aufenthaltsstatus‘. Das sind die deutlichsten Forderungen von Podium und Publikum vergangene Woche im Rahmen der Veranstaltung „Grenzenlose Traumata – begrenzte Therapie? Trauma und Traumafolgestörungen bei Geflüchteten“ der Fliedner Klinik Stuttgart gleichermaßen vertraten.

In seinem einführenden Vortrag macht Prof. Dr. Dr. Jan Kizilhan, medizinisch-psychologischer Leiter des Projektes „Sonderkontingent für schutzbedürftige Frauen und Kinder“ der Landesregierung Baden-Württemberg die Spannweite des Themas Trauma bei Geflüchteten deutlich: „Wenn wir über Trauma sprechen ist das nicht nur ein medizinisch-therapeutischer Prozess. Gewalt und Trauma, Krieg und traumatische Ereignisse – in Deutschland und international – haben immer auch mit unserer Gesellschaft zu tun. Daher müssen wir auch als Gesellschaft dazu Stellung beziehen.“

Diesen weiten Blickwinkel abzubilden ist die Aufgabe des anschließenden Podiums um Jan Kizilhan, Staatssekretärin Bärbel Mielich, Ministerium für Soziales und Integration, Ulrike Schneck, Leitende Psychologin des Stuttgarter Hilfsvereins Refugio und Prof. Dr. med. Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart, das von Edda Markeli (SWR) moderiert wurde.

Geflüchtete bringen besonders verfestigte und oft mehrschichtige Traumata mit, die in den meisten Fällen nach absichtlich ausgeübter Gewalt (manmade trauma) erfolgt sind, erklärt Psychologin Ulrike Schneck einleitend. „Es kommt zu starken Ängsten und sozialem Rückzug. Das Vertrauen in die Menschen ist generell erschüttert. Das bedeutet auch für Helfende einen brüchigen Kontakt.“,  Im Publikum nicken insbesondere die (ehrenamtlichen) Helfer zustimmend, während die Psychologin deutlich  macht „wir brauchen Zeit, das Vertrauen aufzubauen, dass es hier ein sicherer Ort ist, wo man darüber sprechen kann.“

Der Faktor Zeit weise auf ein weiteres Problem in den Rahmenbedingungen der Trauma Behandlung, so Jan Kizilhan, nämlich den oft jahrelang ungeklärten Aufenthaltsstatus: „Ich kann keine Trauma Behandlung machen, wenn der Patient das Gefühl hat, er ist morgen wieder weg.“ Neben den Auswirkungen auf die Krankheit sei dies auch ein gesellschaftliches Problem, ergänzt Barbara Wild: „Diese Menschen gehen uns durch sozialen Rückzug mit ihren Ressourcen, Fähigkeiten und ihrer Motivation zur Integration verloren.“

Im Rahmen der Behandlung müsse außerdem der Einfluss kultureller Unterschiede berücksichtigt werden, so Prof. Kizilhan. Unterschiedliches Schamempfinden, Rollenbilder und zuletzt auch die Sprachbarriere beeinflussen die Therapie. Die Betreuung und Bezahlung der Dolmetscher, die für eine erfolgreiche Diagnostik und Therapie zwingend notwendig sind, wird auch in den Publikumsfragen noch einmal hervorgehoben. Allein bei Refugio Stuttgart arbeiten derzeit insgesamt 80 Dolmetschende in 38 Sprachen der Welt, die der Verein zum Großteil selbst bezahlt. Für Ulrike Schneck ist das unverständlich: „Der Dolmetscher ist wie das Röntgengerät ein Hilfsmittel der Diagnostik. Mir leuchtet nicht ein, warum das von den Krankenkassen nicht so angesehen und bezahlt wird.“

Bärbl Mielich, die als Vertreterin der Landespolitik auf dem Podium unter Druck steht, teilt die Kritik. Gleichzeitig macht sie noch einmal deutlich, dass das Land Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle zum Thema medizinisch-therapeutische Betreuung von Geflüchteten übernimmt. In den letzten Jahren sei der Etat für die fünf Psychosozialen Zentren im Land stetig gestiegen. Zum Thema Kostenübernahme macht sie deutlich: „Es ist ein Versprechen der Landesregierung, dass wir diese Zentren besser ausstatten. Wir brauchen aber sowohl die Kommunen als auch  die klassischen Träger des Gesundheitssystems mit im Boot.“ Deshalb werde sie einen runden Tisch mit den Krankenkassen zu diesem Thema initiieren.

Die zweistündige Diskussion und der große Zuspruch von fachlichen und ehrenamtlichen Helfern zeigt: das Thema Trauma Behandlung bei Geflüchteten ist ein Thema, das mehr öffentliche Aufmerksamkeit braucht. Dabei dürften die Menschen, die nach Deutschland kommen nicht nur in der Opferrolle gesehen werden, ist sich das Podium abschließend einig. Denn, Ulrike Schneck, „wir haben es mit starken Menschen zu tun.“

Fliedner Galerie: Schafe in der Psychiatrie  

Seit dem 4. November zeigt die Fliedner Klinik Stuttgart im Rahmen der „Fliedner Galerie“ den Künstler Thomas Nolden mit seiner Gemäldereihe „Kawasaki Bar – Landschaft mit Schafen“. Der Stuttgarter Galerist Mario Strzelski verwandelt die Räumlichkeit der Ambulanz und Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Bülow Carreé bis zum 17. Februar 2017 in einen Kunstflur mit atmosphärischen Schafmotiven auf Leinwand in den leuchtend satten Farben des Gäus.

Die Ausstellung „Kawasaki Bar“ ist inspiriert vom Wandel eines Schuppens: Vom Glasereilager zum Dorfjugendrückzug „Kawasaki Bar“ wurde er nun Schafstall mit Theke und Kirchenfenster. In diesem Identitätstumult entdeckte der Maler Thomas Nolden das Schaf als Motiv. Bis in die Gegenwart hinein kunstgeschichtlich unterrepräsentiert,  vereint es Landschaftsmalerei und figurative Überlegungen. Dazu kommt eine Faszination, die der Künstler in seinen Gemälden abbilden möchte: „Das Schaf taucht auf als Protagonist und zieht uns in seinen Bann, gleichzeitig transportiert es eine reife Palette, führt den Betrachter in einen glücklichen Farbraum.“ (Auf dem Bild von links nach rechts: Martin Hautzinger, Thomas Nolden, Barbara Wild, Mario Strzelski)

Der besondere Ort der Ausstellung verstärkt diesen intensiven Effekt der Kunst, findet auch der Stuttgarter Galerist Mario Strzelski: „Es ist interessant, Bilder in eine Ausstellung zu verpflanzen, die abseits eines white cubes und von einem ganz neuen Publikum gesehen werden können.“ Der temporäre Gallery Spot in der Fliedner Klinik Stuttgart ist auch für Chefärztin Prof. Dr. Barbara Wild immer wieder etwas ganz Besonderes. „Klinik und Kunst zusammenzubringen ist wichtig, weil es bei beidem um eine Sicht auf den Menschen und die Welt geht.“, erklärt Wild, die im Format „Fliedner Galerie“ regelmäßig Kunst in ihrer Klinik ausstellt. Sie ist von der therapeutischen Wirkung von Kunst überzeugt: “ Kunstwerke eröffnen neue Ausblicke und lassen sich gleichzeitig als Spiegel für das Selbst benutzen. Das tut unseren Patienten (und nicht nur ihnen) gut.“

Daher gilt Ihre Einladung zur Vernissage am 4. November um 19 Uhr der gesamten Stuttgarter Öffentlichkeit. Eine Perspektive ist Barbara Wild dabei besonders wichtig: der Blick auf die Werke ist gleichzeitig ein Blick in die Klinik. „Und mit jedem Besucher der Ausstellung von außen wird auch das Stigma, das der Psychiatrie und ihren Patienten anhaftet, nachhaltig reduziert.“

Fliedner Auditorium: Erfolgreiche Psychotherapie braucht therapeutische BindungskompetenzVortrag von Prof. Dr. Henning Schauenburg, Professor für Psychosomatik und Psychotherapie und Stellvertreter des ärztlichen Direktors der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg am 28. September 2016 im Rahmen der Fortbildungsreihe "Fliedner Auditorium."

Pressetext zum Vortrag "Erfolgreiche Psychotherapie braucht therapeutische Bindungskompetenz"

Folien:
Bei Interesse an den Vortragsfolien wird um eine E-Mail an den Referenten gebeten
Henning.Schauenburg(at)med.uni-heidelberg.de

 

Finissage: Weiblicher Humor hat Folgen!
Ausstellung in der Fliedner Klinik Stuttgart geht zu Ende – nächste Eröffnung am 04.11.16

Darf man – darf frau – über Kunst lachen? Die vom Stuttgarter Galeristen Marko Schacher kuratierte, speziell auf die Räume der Fliedner Klinik Stuttgart zugeschnittene Ausstellung "Emotionale Ansteckung, "Weiblicher Humor und die Folgen" hat seit der Ausstellungseröffnung am 8. April 2016 bewiesen: Ja! Zur Finissage am 28. Juli t2016 rafen sich noch einmal Künstlerinnen, Galerist und etwa 40 Kunstfreunde aus Medizin und Gesellschaft in der Fliedner Klinik Stuttgart.

In einem gemeinsamen Werkrundgang konnten die beteiligten Künstlerinnen Friederike Just, Eva Koberstein, Christiane Köhne und Justyna Koeke gemeinsam mit Galerist Marko Schacher spannende Einblicke in Entstehung und Hintergrund der Werke geben. Verfügen Künstlerinnen über einen anderen Humor als ihre männlichen Kollegen? Inwieweit verändert eine Klinik-Atmosphäre die Rezeption der auf dem Gang und im Wartezimmer präsentierten Exponate? Inwieweit sind Kunstwerke psychologische Verdauungsresulate, Tagebuch und Selbstportraits? Die Fragen zur Kunst waren vielfältig. Die Antwort: Spannende Gespräche, denn Kunst, so sind sich alle Besucher einig, liegt immer im Auge des Betrachters.

Prof. Dr. Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart, ist stolz auf ihren ganz besonderen Ausstellungsraum: „Kunst und Psychiatrie – das passt gut zusammen. In beiden Fällen beschäftigen wir uns mit Sichtbarem und dem, was dahinter steht. Und in beiden Fällen kommt der Humor, wenn er denn angebracht ist, dabei nicht zu kurz.“

Die nächste Ausstellung steht auch schon in den Startlöchern. Am 04. November wird Galerist Thomas Nolden die kommende Schau eröffnen, deren Konzept noch in der Entwicklung ist.

 

01. Juni 2016 - Chronische Depression: State of the Art
Vortrag von Prof. Dr. phil. Elisabeth Schramm, leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Freiburger Universitätsklinikums

Pressetext zur Veranstaltung: Chronische Depression braucht andere Behandlungsformen


Vortragsunterlagen: Verhaltenstherapeutische Behandlung der chronischen Depression: State of the Art